Am Anfang war die Kunst

Beitrag für den Jahresbericht des Kunstkredit Basel-Stadt 2018. Erschien im Rahmen einer Serie über geförderte Kunst-und-Bau Projekte.

Kunst-und-Bau-Projekt von Eric Hattan im Foyer der St. Jakobshalle von Berrel Degelo Architekten

Zum Making-Of des Werks «Unverrückbar» von Eric Hattan im Foyer der St. Jakobshalle gibt es einen bemerkenswerten Kurzfilm von Severin Kuhn.1 Er beginnt mit einem Blick von weit oben auf einen unberührten Gletscher. Wolken gleiten im Zeitraffer über die bläuliche Eisfläche, die Tonspur von Julian Sartorius evoziert Windgeräusche: eine vorzeitliche, menschenleere Welt. Schnitt: Der Mensch kommt ins Bild. In zeitgenössischer Outdoor­kleidung stapft ein Mann über die nun von Geröll und Steinen bedeckte Ober­fläche des Gletschers.
Der poetische Dokumentarfilm datiert die Entstehung von Eric Hattans Werk zurück in eine urvordenkliche Zeit. Tatsächlich ist Hattans künstlerischer Beitrag kein Artefakt, sondern ein natürlicher Stein, genauer: ein Findling, jahrmillionenalt. Aber erst mit dem Sprung in die Gegenwart fängt die Geschichte des Kunst-und-Bau-Projekts an. Sie beginnt mit der Suche des Künstlers nach einem Findling, den er als «Grundstein» in das neue Foyer der St. Jakobshalle integrieren will.

Kunst als «Grundstein» der Architektur

Für die Erweiterung, Sanierung und Modernisierung der 1975 erbaute St. Jakobshalle wurde 2013 ein Architekturwettbewerb durchgeführt. Mit dem Projekt «Giovanni» ging die Basler Architektengemeinschaft Degelo / Berrel Berrel Kräutler siegreich aus dem Wettbewerb hervor. Im folgenden Jahr schrieb der Kunstkredit Basel-Stadt gemeinsam mit dem Bau- und Verkehrsdepartement einen Wettbewerb für eine künstlerische und ortspezifische Intervention aus. Gefragt war ein künstlerisches Konzept, das gemeinsam mit den Architekten zu einem integralen Projekt weiterentwickelt werden sollte. Der Künstler Eric Hattan setzte sich mit seinem Vorschlag in einem national ausgeschriebenen Wettbewerb gegen vier andere Projektideen durch.
Heinrich Degelo und Jürg Berrel erweitern die Event- und Sporthalle um ein attraktives Foyer. Eine einzige Stütze trägt dessen weit auskragendes Dach und ein Technik­geschoss. 2800 Tonnen lasten auf ihr. Diese kühne architektonische Geste wird durch Eric Hattans Werk noch geschärft: Sein künstlerischer Beitrag setzt als Basis dieser Stütze einen Findling ein. Dieser «Grundstein», ebenso unübersehbar wie unverrückbar, bildet einen im Wortsinn integralen Bestandteil der Architektur.

Bei Neubauten wird der Grundstein als erstes Element und häufig in feierlicher Zeremonie gelegt. Hattans «Grundstein» behauptet somit selbstbewusst, dass hier die Kunst an den Anfang der Architektur zu stehen kommt und keineswegs einen nach­träglichen Schmuck des Baus darstellt. Die Stütze, die das enorme Dach trägt, bildet dessen Verbindung zum Boden, sie «erdet» den Bau. Der Findling als natürlicher Stein ist auch ein Bild für diese Verbindung von Architektur und Erdboden. Der wuchtige Findling und die elegante Betonstütze fügen sich zu einer interessanten skulpturalen Einheit. Der Findling, organisch gerundet durch Jahrtausende von Gletscherstreicheleinheiten, zeigt seine raue Oberfläche ungereinigt. Reste von Moos und Erde haften noch in seinen Poren. Die rechteckige, konische Stütze ist aus hellem, glattem Beton. Ihre Basis fügt sich passgenau auf den Findling, die Materialien des natürlichen und des künstlichen Steins berühren sich nahtlos.

Die Reise des Findlings

Die Entstehungsgeschichte von Eric Hattans künstlerischem Beitrag ist Teil des Werks. Seine Suche nach einem geeigneten Stein gestaltete sich schwieriger als angenommen. Es sollte ein natürlich geformter, «intakter» Stein sein, kein aus einem Steinbruch herausgebrochenes Stück. Ein Findling also, von Gletschern auf eine unvorstellbar langsame und lange Reise mitgenommen. Solange, bis der Eisfluss ihn irgendwann und irgendwo liegen liess, in einer Gegend, in der er geologisch gesehen nicht hingehört.
Der Künstler suchte an verschiedenen Orten nach Findlingen, reiste nach Uri, ins Graubünden und ins Tessin. Auch ins Internet führte die Suche und landete dabei in einem norddeutschen Vorgarten. Im Zuge der Recherche erfuhr Hattan, dass Findlinge geschützte Objekte sind, was deren Verkauf, Erwerb und Transport kompliziert. Letztlich kam der Zufall dem Künstler zu Hilfe.

Die Region, die heute Basel heisst, war nie von Gletschern bedeckt. Hattans Findling wurde immerhin bis in die Nähe von Brugg transportiert. Viele tausend Jahre später gruben ihn Bauarbeiter aus und deponierten ihn am Rand einer Kiesgrube, weil sich der 25-Tonnen-Brocken nicht zerkleinern liess. Dort lag er ein paar Jahre, bevor ihn Eric Hattan zufällig entdeckte und mit freundlicher Genehmigung des Kantons Aargau per Tief­lader nach Basel brachte. (Womit dem Stein im übrigen das Schicksal erspart wurde, künftig die leere Mitte eines Strassenkreisels zu markieren.) Im Foyer der St. Jakobshalle hat die Wanderung des erratischen Blocks nun ihr vorläufiges Ende gefunden.
Hattans Werk thematisiert nicht zuletzt diesen zeitlichen Aspekt. Auf listig dialektische Weise erzählt hier ausgerechnet ein Stein, oft verstanden als Inbegriff des Unveränderlichen, von unaufhörlicher Bewegung und einer Reise ohne Ende. Der Findling stammt aus dem Gotthardmassiv, das zu den ältesten Gesteins­formationen dieses Planeten gehört. Damit verweist seine Herkunft auf eine Dimension, die weit über die Zeiträume menschlicher Artefakte hinausreicht, auch über jene von Kunst und Architektur. In Basel wird der Findling, der als Migrant hier auch ein «Fremdling» ist, nun mindestens so lange Halt machen, wie die St. Jakobshalle stehen bleibt.

Kunst und Bau als interdisziplinäres Projekt

Dass bei diesem Kunst-und-Bau-Projekt die Zusammenarbeit zwischen Architekten und Künstler besonders fruchtbar gewesen sein muss, wird der Betrachterin sofort klar. Offensichtlich war der Stein zuerst da: Die tragende Stütze wächst gleichsam aus ihm empor. Auch davon erzählt der kurze Dokfilm: Im Zeitraffer wachsen Gerüste in die Höhe, die ganze Baustelle entwickelt sich um den Findling hterum.
Eine enge Zusammenarbeit zwischen Architektenteam und Kunstschaffenden bleibt oft ein Desiderat. Am Beispiel der St. Jakobshalle wird deutlich, wie die optimalen Rahmenbedingungen für ein gelungenes Zusammengehen von Kunst und Bau aussehen könnten. Gegeben war zunächst ein grosses Interesse seitens der Architekten. Namentlich das Büro Degelo Architekten engagiert sich für den Einbezug von Kunst in Bauprojekte. So initiiert Heinrich Degelo auf Bau­stellen seines Büros immer wieder künstlerische Interventionen: Zu einem passenden Zeitpunkt des Bauvorhabens – sei es noch vor Baubeginn, sei es kurz vor der Fertigstellung – lädt er zur Baustellenbegehung mit ortspezifischer Performance.2 Architektur sei per se interdisziplinär, so Degelo, weshalb er in seine architektonischen Projekte Kunstschaffende und Ingenieure gleichermassen integrieren will.

Beim eingeladenen Wettbewerb für Kunst-und-Bau in der St. Jakobshalle waren die Architekten bereits an der Ausschreibung mitbeteiligt. Dieser frühe Einbezug von Kunst-und-Bau in die Architekturplanung erwies sich bereits mehrfach als wesentliche Voraussetzung für gelungene Projekte. Im Fall der St. Jakobshalle wurde zudem eine vertiefte Zusammenarbeit gesucht: Man wollte nicht einfach ein eingereichtes Werke auswählen. Gefragt war vielmehr ein künstlerischer Partner, dessen Grundidee gemeinsam mit den Architekten weiter entwickelt werden sollte. Für das Kunst-und-Bau-Projekt wurde denn auch kein bestimmter Perimeter vorgegeben. Solche Offenheit seitens der Archi­tektur­büros ist nicht selbstverständlich; ebenso gefordert war aber die Bereitschaft zur Zusammenarbeit aufseiten der Kunstschaffenden.
Beide Parteien, Künstler wie Architekt, sind hoch zufrieden mit der Kooperation. Hand in Hand sei sie verlaufen, meint Degelo; sein Projekt habe immer volle Unterstützung erhalten, berichtet Hattan. Dabei war das Unterfangen keines­wegs problemlos. Vielmehr stellten sich bautechnische Fragen, die zuvor noch nie jemand zu beantworten hatte. So war etwa die Statik des Findlings unberechenbar und damit die ganze Baustatik nicht auf klassische Weise zu ermitteln.

Die Betonstütze hat einen quadratischen Grundriss, der sich sich nach oben zu einem länglichen Rechteck verformt. Aufgrund der statischen Probleme diskutierte man eine Placierung des Findlings als Kapitell statt als Grundstein. Dies hätte jedoch eine Veränderung der Stützenform bedingt und wurde verworfen. Im Wissen um diesen angedachten Plan B lässt sich das Ganze nun etwas augenzwinkernd auch als umgedrehte Säule lesen. Ein «Köpfchen im Kopfstand», formuliert der Künstler. Letzlich aber bewiesen die Ingenieure Schnetzer Puskas ihren Erfindergeist und entwickelten eine einzigartige Lösung für die Tragkonstruktion: Sie hängten den Stein gewissermassen an der Säule auf. Durch Stütze und Stein führt ein verborgener Stahlträger, dessen gerundetes Ende im Boden unterhalb des Findlings in einer Stahlschale ruht. Diese Gelenkpfanne fängt kleinste Bewegungen des Baus und des Untergrunds auf. Auch die feine Ver­fugung, die durch den Baumeister ausgeführt wurde, ist meisterhaft. Stütze und Stein berühren sich nahtlos, während eine normale Kittfuge störend sichtbar gewesen wäre.
Solche Lösungsfindungen für unerwartete Problemstellungen sind Teil des Kunst-und-Bau-Prozesses. Standardisierte Verfahren erweisen sich als ungenügend, um zu massgeschneiderten Lösungen zu gelangen. Das mag manche Baustellen komplizieren und gewisse Bauherren und Architekten nervös machen. Wenn jedoch Offenheit auf allen Seiten gegeben ist und die Vielfalt an Kompetenzen augeschöpft werden kann, wird der Prozess für alle Beteiligten zu einer Bereicherung. Im besten Fall fügen sich Kunst und Bau zu einer Einheit, die so selbstverständlich und überzeugend wirkt wie im Fall der St. Jakobshalle.

1    «Zuerst der Stein», Film von Severin Kuhn mit Musik von Julian Sartorius, entstanden im Auftrag von Eric ­Hattan:  http://www.hattan.ch/works/#c2700
2    Weitere Baustelleninterventionen des Büros Degelo Architekten: https://www.degelo.net/#kunstinterventionen

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