Böse Träume

Ausstellung ‹Wonderland, it’s beautiful›

ProgrammZeitung 1/2005, Kulturjournal für die Region Basel
www.programmzeitung.ch

Schön oder kitschig? Die neue Schau von vier skandinavischen Kunstschaffenden im Kunsthaus Baselland betört und irritiert zugleich.

Sich mit gebührender Ironie dem Kitschgenuss hinzugeben, ist in manchen Szenen schon lange Kult. Auch in der Kunst lassen sich Tendenzen beobachten, Rührstücke aus der Populärkultur in den Kunstkontext zu transferieren. Die Methode ist alt, ihr Gegenstand jedoch ist neu – die Moderne kämpfte mit starken Worten gegen den Kitsch: «künstlerische Schwäche», «ästhetische Entgleisung», «dekoratives Versagen», bis hin zu Hermann Brochs epochalem Verdikt, der Kitsch sei «das Böse im Wertsystem der Kunst». Freilich regiert inzwischen das postmoderne «anything goes» und lässt die Kulturpessimisten alt aussehen. Dennoch – ein Jeff Koons bewegte sich erstaunlich lange allein auf diesem schlüpfrigen Boden und vermochte damit enorm zu provozieren, bevor ihm in den Neunzigern andere folgten. Jegliche Kritik am Kitsch ist in erster Linie ein Werturteil und letztlich nur ideologisch zu begründen, aber auch die ironische Distanz hilft, sich dessen Versuchungen vom Leib zu halten. Erst der Verzicht auf die Ironie ermöglicht die Entfaltung der ästhetischen Potenz des Kitsches.

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Verführerische Kippeffekte

Im Kunsthaus Baselland führen vier skandinavische Künstlerinnen genau dies vor. Julie Nord (geb. 1970) betört mit grossäugigen Kindfrauen, die uns in eine seltsame Märchenwelt entführen. ‹The Matchgirl› (das Streichholzmädchen) erinnert an das (kitschige?) Andersen-Märchen. Aber hier ist alles anders: Die süsse Farbstimmung rührt von einer Feuersbrunst her, und die Schmetterlinge entpuppen sich als Totenkopf-Motten. Die Hände des Mädchens halten drei abgebrannte Streichhölzer und werfen sinistre Schatten auf ihren Körper. Ist diese Unschuld eine psychotische Brandstifterin? Julie Nord verführt uns mit virtuos vorgetragenen, vordergründig süssen Sujets, die unerwartet ins Bedrohliche kippen.

Mit diesem Kippeffekt spielt auch Lise Blomberg Andersen (geb. 1971). Ihre Bilder wirken zunächst wie Illustrationen für ein Kinderbuch, in zeichenhaft reduziertem Malstil setzt sie auf emblematische Naturromantik. Doch auch hier scheint das rätselhaft Unheimliche auf: in Gestalt von Vogelmenschen, Todeshelfern aus der griechischen Mythologie. Im Grenzland zwischen Realem und Surrealem simuliert Blomberg Geschichten, die doch nicht zu entziffern sind.

Trine Boesen (geb. 1972) dagegen arbeitet mit Samplingmethoden und präsentiert uns kaleidoskopartig explodierende Motive rund um einen zentralen Fokus, den oft stilisierte Architekturelemente bilden; die Stadt als Nährboden für rhythmisierte Visionen. Ihre Bilder verbindet sie mit direkt auf die Wand gemalten, ornamentalen Wucherungen – auch das Ornament gehört zu den Geächteten der Moderne, man denke an den genialen Polemiker Adolf Loos, der «Ornament und Verbrechen» zum unzertrennlichen Paar erklärte. ½

Tiina Ketara (geb. 1965) schliesslich ergänzt die Schau durch eine Rauminstallation. Aus bunten Glas- und Plastikperlen, Inbegriff billigen Tands, fertigt sie hängende Skulpturen. Mit transparenten Nylonfäden werden die unzähligen Perlen in Position gebracht. Eine beinahe immaterielle, verführerisch glitzernde Wellenform schwebt im Raum. Doch noch bevor wir uns mental auf diesem magischen Teppich räkeln können, lehrt uns der Titel der Arbeit das Gruseln: ‹Mark of Blood›, Blutspur, heisst sie.
 

Neoromantische Tendenzen

Tod und Übergang, die Natur und das Übersinnliche, Märchen, Träume, Exotik und Fantasien – solche Themen lagen schon der Romantik am pochenden Herzen. Eine jüngere Künstlergeneration zeigt sich nun wieder davon fasziniert. Nicht nur jugendliche Schwärmerei und gesteigerte Emotionalität zeichneten die Romantik aus. Sie hatte auch einen emanzipatorischen Kern, indem sie die Gleichwertigkeit aller ästhetischen Phänomene propagierte, ob Volksmärchen oder Kunstdichtung, ob Heimatlieder oder fremde Weisen. Auch diesem Anspruch scheinen die neoromantischen Tendenzen verbunden – sie kokettieren mit den letzten Tabus der zeitgenössischen Kunst, viele davon ein Erbe der Moderne: Schönheit, Kitsch, Märchen und Magie. Darauf spielt auch der Titel der Schau an, ‹Wonderland, it’s beautiful›: Diese Kunst will verführen und wendet sich ab von trocken-analytischen Konzepten. Damit wiederum erweist sie sich allerdings auch als Kind der Postmoderne, die alle Etiketten auf ihre Rückseite prüft.

Sibylle Ryser

 

Kulturjournalismus