Dem Perfektionismus entkommen

ProgrammZeitung 10/2010, Kulturjournal für die Region Basel
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Stadtentwicklung als Bürgerinitiative: Zehn Jahre nach dem Start blüht im Gundeldinger Feld die Quartierkultur.

Wäre es nach den Vorstellungen der Regierung gegangen, so stünde heute auf dem Gundeldinger Feld eine schicke Wohnüberbauung. Stattdessen betritt man einen beispielhaften Raum öffentlichen Lebens. Zehn Jahre nach Beginn der schrittweisen Umnutzung der ehemaligen Maschinenfabrik sind die letzten Industriebauten umgebaut, die meisten der ursprünglich konzipierten Projekte umgesetzt. In die 14’000 Quadratmeter Geschossfläche sind neue MieterInnen eingezogen: Zirkusschule und Bibliothek, Kletterhalle, Restaurants und Musikschule, Metallbauer und Architektinnen, Massagepraxen, Backpacker Hotel und Fitnesscenter, Bildhauerinnen und Instrumentenbauer, Pro Natura, WWF und Quartiervereine – die Vielfalt ist ebenso beeindruckend wie die Liste unvollständig. Zuletzt stiess 2009 die Brauerei ‹Unser Bier› dazu, passgenau für diesen Ort subtil subversiver Kreativität. Auch ihre Erfolgsgeschichte wurde mit Herzblut geschrieben, verdankt sich weder Businessplänen noch Schreibtischstrategien, sondern der Initiative von Amateuren.
 

Paragraf 77

Ein Blick zurück ins Gundeli vor zehn Jahren: Engagierte BewohnerInnen vor Ort wussten seit Langem, was dem Stadtteil fehlte. Es waren nicht weitere Wohnungen, sondern verkehrsfreier Raum für das öffentliche Quartierleben. Die Architektin Barbara Buser, im Gundeli geboren und aufgewachsen, engagierte sich früh im Quartierverein. Als die Maschinenfabrik Sulzer 1999 überraschend ihren Standort aufgab, packte sie zusammen mit Irene Wigger und Eric Honegger die Chance, die sich für das Quartier bot. Nun handelte es sich ja nicht gerade um eine Kleinigkeit – um die grosse Kiste zu entern, würde man gegen etablierte Investoren um den Kauf des Areals konkurrieren müssen. Damit man mit gleich langen Spiessen antreten konnte, wurde eine Initiativgruppe gegründet und ein Nutzungskonzept erarbeitet. Die Christoph Merian Stiftung übernahm die Rolle der Geburtshelferin und ermöglichte mit einem finanziellen Beitrag die erforderliche Professionalität.

Um den Widerstand der Regierung zu überwinden, vertiefte man sich in das Basler Bau- und Planungsgesetz. Dort entdeckte man Paragraf 77: Er garantiert den ‹Bestandesschutz›. Das bedeutet, dass bestehende Bauten und Anlagen in ihrem Bestehen geschützt sind. Sie dürfen auch umgebaut, erweitert und anders genutzt werden, solange sie in einer Bauzone liegen und wenn dadurch nicht stärker vom geltenden Recht abgewichen oder gegen öffentliche und nachbarliche Interessen verstossen wird als bisher. Das macht Paragraf 77 zum schlagenden Argument für Umnutzungen.

Drei Pensionskassen und drei Privatparteien, die sich zu diesem Zweck zu einer Immobilienfirma formiert hatten, standen hinter dem Kaufangebot, das die Kantensprung AG als Baurechtsnehmerin und Projektentwicklerin unterbreitete. Die Rechtsform einer Aktiengesellschaft war durchaus als Statement zu verstehen: Hier trat nicht eine Compagnie realitätsferner Traumtänzer an, sondern eine Gruppe ernstzunehmender, wenn auch unkonventioneller Akteure.
 

Unkonventionelles Denken

‹Not for profit› heisst die Devise der Kantensprung AG, der kleine Unterschied zu ‹non profit› ist kein Zufall. Gewinn darf gemacht werden, muss aber wieder ins Projekt gesteckt werden. Nach zehn Jahren etappenweisen Aus- und Umbaus ist das ökonomische Gleichgewicht des Gundeldinger Felds gesichert, existenzgefährdende Krisen wie der Ausstieg der Basler Kantonalbank sind gemeistert. Die letzte grosse Baustelle bleibt die Energiesanierung, in die laufend investiert wird; das ehrgeizige Ziel heisst 2000 Watt-Gesellschaft bis 2030.

Die Kantensprung AG ist ausschliesslich für die Entwicklung des Gundeldinger Felds zuständig; die Initiantinnen konzipieren und betreiben in anderen Organisationsformen und Seilschaften weitere Projekte wie das Walzwerk in Münchenstein oder das neu entstehende Gründerzentrum Stellwerk im Bahnhof St. Johann. Umnutzungsprojekte sind die Spezialität des Hauses, und diese passen oft nicht in die Schubladen der Immobilienwirtschaft. Hier wünschte man sich mehr Augenmass und weniger Paragrafenreiterei.

«Unkonventionelles Denken kommt aus Afrika», sagt Barbara Buser im Gespräch. Nach dem Architekturstudium an der ETH war sie viele Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit tätig, ebenso ihr Büropartner Eric Honegger. Improvisation und Wiederverwertung, das Machbare vor das Wünschbare stellen, pragmatische Lösungen finden – das habe sie in Afrika gelernt. Projekte wie das Gundeldinger Feld zeigen, wie man mit solchen Qualitäten dem lähmenden Expertismus entkommt, dem in der Schweiz zu oft gehuldigt wird. Das architektonische Patchwork auf dem Areal pflegt kein glattes Corporate Design und trotzt jeglicher Perfektion: Hier herrscht das farbige Durcheinander blühenden Lebens.

Sibylle Ryser

 

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