Dickicht Raumschiff und lichter Flieder

Begleittext und Einführung in die Ausstellung von Susanne Fankhauser und Barbara Maria Meyer,
forum Vebikus, Schaffhausen, März 2011. Die Einladungskarte gestaltete ich ebenfalls.


«Dickicht Raumschiff und lichter Flieder» – so heisst die Ausstellung. Ein Titel wie eine Gedichtzeile, poetisch und rätselhaft. Er spricht von der Natur. Vom wilden Dickicht ebenso wie vom kultivierten Garten, wo im Frühling der Flieder blüht. Zudem wird uns Ausserirdisches verheissen, das Raumschiff verspricht eine Reise ins Unbekannte.

Ein UFO gibt es zwar nirgends zu sehen, aber hinter mir steht ein  lebensgrosses Pferd, dem die Künstlerin ­Flügel verliehen hat. Pegasus – wenn er es denn ist – steht im Wald und frisst blaue Blumen, allem Anschein nach handelt es sich um dabei Berg-Enzian. Die Blüten geben ihm auch seinen Boden, er steht auf einem Blumen­teppich – ein fliegender Teppich vielleicht? Jedenfalls scheint er die Blumen mitgebracht zu haben, denn in diesem Wald sind sie kaum gewachsen.
Hier wächst gar nichts ausser den linearen Baumstämmen, und diese scheinen kaum verwurzelt zu sein. Sie beginnen im Nichts, und ihre Kronen übersteigen unseren Horizont.
Dafür trägt Pegasus eine Krone. Oder eher ein Krönchen. Es sieht ein bisschen aus, als hätte Disneys Schneewittchen es ihm ausgeliehen. In der griechischen Mythologie ist Pegasus das Kind des Meeresgottes und der schlangenhäuptigen Medusa – doch ob uns das hier weiterhilft?
Oder führen diese Spuren nur noch tiefer in ein Dickicht aus Verweisen und Assoziationen?
Wir verirren uns gerne darin. Auf dem Baumstamm rechts ist ein Frauengesicht zu sehen, ein­geritzt in die unsichtbare Baumrinde wie ein alter Liebesschwur. Da ist ja Schneewittchen!
Ohne Krone und ohne Kleid. Oder ist das Gesicht mit den Fledermaus-Schultern eine unheimliche Fee? Ein Zeichen, das rätselhaft bleibt wie die ganze Szenerie.

Susanne Fankhauser, die uns dieses Rätsel beschert, arbeitet collagenartig. Bilder aus Zeitschriften, eigene Fotos und digitale Bildquellen sind das Ausgangsmaterial, mit dem sie ihre Bildfindungen baut. Mit einer Formen­sprache, die die Linie betont und klar umgrenzte Flächen mit Farbe füllt, schafft sie zeichenhafte Bilder, die so gar nicht an ein wucherndes Dickicht erinnern. Ganz aufgeräumt und klar wirken ihre Zeichnungen. Ins tiefe Dickicht geraten wir hingegen, wenn wir den verästelten Bedeutungen nachgehen; den vielen inhaltlichen Anklängen, die einen grossen assoziativen Raum eröffnen. Diesen ganzen Bedeutungsschweif rafft die Künstlerin mit sicherer Hand zu einer geschlossenen, zeichenhaften Figur.

Schräg gegenüber blüht ein eigenartiger Garten. Florale Elemente sind erkennbar, Staubgefässe und Blütenstempel senden erotische Signale. Weitere Formen und Linien fügen sich hinzu, überlagern sich, verdecken anderes, ver­­vielfachen und verzweigen sich. Negative und positive Formen entstehen, werden abstrakt, ein ornamentales Kringeln hier, eine flächige Behauptung da. Abstraktion und Ornament – kunsthistorisch gesehen ein grosser ideologischer Widerspruch – feiern hier unbekannte Fruchtbarkeits­feste. Es wirkt, als hätte eine leicht zerstreute Göttin mit bei­läufiger Sicherheit ihren Garten Eden entworfen. Vielleicht telefonierte sie gerade mit der Paradiesgärtnerin? Und ganz neben­bei zeichnete sie selbstvergessen ein paar Ideen auf… Da, vor diesem Teich, da braucht es noch etwas Vegetation …

Barbara Maria Meyer hat diesen Garten kultiviert. Zu ihrer Arbeit hat Claudia Spinelli in einem Katalog trefflich formuliert: «Der Einsatz des bildnerischen Vokabulars wirkt, sowohl was Farbe und was Form anbelangt, subjektiv und frei. Diese Freiheit ist das Ergebnis einer intensiven Grundlagenforschung, einer mit Intensität und Sorgfalt betriebenen Aneignung von Zeichen und Raum, Bild und Natur.»
Die Künstlerin geht seit Langem und immer wieder von Neuem von pflanzlichen Formen aus. Sie untersucht sie auf ihre formalen und malerischen Qualitäten, erkundet sie mit zeichnerischen und malerischen Mitteln. Oft arbeitet sie draussen, macht zeichnerische Notizen, hinterlässt selbst zeichnerische Spuren. Eine wichtige Arbeit realisierte sie im Aussenbereich, in der Umgebung ihres damaligen Ateliers in einer Basler Industrie­brache. Dort untersuchte sie die oft übersehene Natur der urbanen Brachen zeichnerisch vor Ort. Sie recherchierte zudem in Botanikbüchern, wo sie in wissenschaftlichen Abbildungen Naturformen fand, die sich erst unter dem Mikroskop offenbaren. Samenkapseln mutieren zu architektonischen Gehäusen, Stängel zeigen im Querschnitt ihre ornamentalen Grundrisse, die Zellstrukturen von Blättern offenbaren sich als abstrakte Kompositionen.
Aus diesen beiden Quellen, den Skizzen in der Natur und den mikroskopischen Pflanzen-
strukturen, ent­wickelte die Künstlerin ein reiches Formenrepertoire, das sie ständig erweitert. In jüngster Zeit gewinnt sie mit geradezu alche­mistisch anmutenden Methoden neue Bildmotive aus der Natur. Mittels eines Verfahrens, dessen technische Details ich Ihnen erspare, lässt Barbara Meyer aus Sonnenlicht und Pflanzenteilen so etwas wie Fotogramme entstehen.

An der benachbarten Wand begegnet uns nochmals ein Naturthema. Ein knorriger Ast treibt seltsame Blüten. Auf den ersten Blick ein schönes, frühlingshaftes Bild, diese rosa Rundungen auf dem nackten, knorpligen Ast. Wie junge Blüten auf alten Bäumen, das ewig wiederkehrende Frühlingsversprechen. Aber kaum sehen wir ­etwas länger hin, kippt das Bild ins Unangenehme. Sind es wirklich Blüten? Erotische Knospen? Oder nicht eher bös­artige Wucherungen? Überdimensionierte Schildläuse, Geschwüre vielleicht? Ist es gar kein Ast, sondern ein alter, deformierter Körper, bedeckt mit krankhaften Pusteln? Ist da oben links nicht ein Ellbogen angedeutet, hängt da nicht faltige Haut über arthritische Gelenke? Ach nein. Vermutlich sind es die beiden Ausserirdischen, zwei runzlige ET’s, die sich die Hand reichen. Das Raumschiff haben sie wohl draussen geparkt …

Wieder führt uns Susanne Fankhauser mit klaren Linien ins Zwielicht, in dem alle Dinge mehrdeutig werden. Viele Pfade scheinen sich zu eröffnen und führen uns doch die Irre. Oder besser: in Versuchung. In die Versuchung einer Sphäre der Ambivalenz. Wo alles immer auch ganz anders sein kann, wo man sich niemals festlegen muss, wo jede Bedeutung ihren Widerspruch und ihre Ergänzung findet. Was uns die Künstlerin vor Augen führt, ist die widersprüchliche Vieldeutigkeit der Erscheinungen.
Die erotischen Pusteln waren übrigens in ihrem früheren Leben Seeanemonen, die an Aquarienfenstern ­kleben. Susanne Fankhauser hat sie fotografiert, und hat dann zeichnerisch ihre fleischige Präsenz extrahiert und sie einer Wurzel aufgepfropft. So entstand diese seltsam körperhafte Blüte, die uns anzieht und abstösst zugleich. So dass uns fast etwas schwindlig wird, als stünden wir auf schwankendem Boden. Susanne Fankhauser führt uns mit sicherem Strich auf unsicheres Terrain. In eine zeichenhafte Welt voll kippender Bedeutungen, voll ambivalenter Empfindungen.

Die beiden Positionen, die sich hier auf den Wänden begegnen, sind höchst unterschiedlich, formal wie thematisch. Klare Linien, geschlossene zeichenhafte Figuration bei Susanne Fankhauser – Kippeffekte zwischen Linie und Fläche, ornamentales Wachstum bei Barbara Maria Meyer. Thematisch gemeinsam ist ihnen in dieser Ausstellung das Naturthema. Die Natur war eines der grossen Themen der Romantik, und zum Schluss möchte ich diesen Bezug noch ganz kurz aufgreifen. Er lässt sich für beide Positionen herstellen, wenn auch wiederum auf unterschiedliche Weise.
Bei Barbara Maria Meyer könnte man vielleicht die Arbeitsweise als neoromantisch bezeichnen. Eine grosse Naturverbundenheit wird spürbar, ein intensives und ernsthaftes Naturerleben und -studium kennzeichnet ihre Arbeit. Aus dem unerschöpflichen Formenfundus der Natur erschafft die Künstlerin ihre eigenen bildhaften Gärten.
Bei Susanne Fankhauser lässt sich ein hintergründiges Zitieren von romantischen Bildzeichen feststellen. Die «blaue Blume» etwa, ein Sprachbild romantischer Dichtung, begegnet uns hier. Ebenso wie weitere Versatzstücke aus Märchen, Mythen und Populärkultur: die Fee, der dunkle Wald, das Fabeltier, die ambivalente Erotik exotischer Gewächse.

Liebe Besucherinnen und Besucher, Sie sind eingeladen, in diesen labyrinthischen Gärten zu flanieren und sich etwas im Dickicht zu verirren. Viel Vergnügen!

Sibylle Ryser

 

Kulturjournalismus