Ein Höchstmass an Freiheit

ProgrammZeitung 01/2008, Kulturjournal für die Region Basel
www.programmzeitung.ch

Das Museum Tinguely lädt zur Begegnung mit der vielseitigen
Künstlerin Hannah Höch ein.

Erstmals bietet sich in der Schweiz die Gelegenheit zu einem Überblick über das Werk der wichtigsten deutschen Künstlerin der klassischen Moderne: Hannah Höch (1889–1978). Das Museum Tinguely zeigt eine von der Berlinischen Galerie konzipierte und um etliche Leihgaben erweiterte Schau. Die defizitäre Rezeption Höchs ist u.a. dem üblichen geschlechtsspezifischen Wahrnehmungsmangel anzulasten, der durch feministisch motivierte Forschungen der 1970er-Jahre etwas korrigiert wurde. Einer Popularisierung im Wege stand aber auch das äusserst vielgestaltige Werk Höchs. Ein Oeuvre, das sich auf einen klaren Nenner bringen lässt, hatte immer schon bessere Aussichten auf Erfolg als eine Position, die sich Veränderungen zugesteht und uns zumutet.

Hannah Höch – Aller Anfang ist DADA!

Foto Christian Baur, Basel, www.tinguely.ch

Stilistische Vielfalt

Zu Beginn ihrer Laufbahn, in der Berliner Dada-Zeit um 1920, collagiert Hannah Höch dichte, wuchernde Erzählungen, bringt scheinbar Disparates in ungesehene Zusammenhänge und diagnostiziert so messerscharf die Befindlichkeit ihrer Zeit. Daneben kreiert sie auch reduzierte Porträts aus Bildfragmenten – Frauen, Männer, Tiere, Masken –, die sich zu eigentümlichen Mischwesen verbinden. Hier sind es eher kleine Eingriffe – ein verrutschter Mund, eine versetzte Augenpartie, leicht verschobene Proportionen –, die einen eindringlichen Ausdruck entstehen lassen, frappierend wie die plötzliche Erinnerung an ein Traumbild. Hannah Höch lotet die Technik der Collage in ihrer ganzen Tiefe aus. Sie arbeitet nicht nur erzählerisch, vom Motiv her, sondern auch abstrakt. Es entstehen malerische, ungegenständliche Werke aus farbigen Papieren, oder es fügen sich Papierschnipsel zu Figurativem; sie fertigt Fotomontagen an, mit Zeitungen, Illustrierten und anderem Fundmaterial. Gemälde, Scherenschnitte, Zeichnungen, Illustrationen und Bühnenbildentwürfe gehören ebenso zu ihren Ausdrucksmitteln. Nach dem Krieg bedient sie sich des Materials der nun massenhaft verfügbaren farbigen Illustrierten. Bis zu ihrem Tod schafft sie ein virtuoses Alterswerk, bleibt offen für die Impulse einer sich rasant verändernden Welt.
 

Kunst und (Geschlechter-)Politik

Die beiden Weltkriege prägten die Biografien der verfemten AvantgardekünstlerInnen Europas. Ab 1915 bis in die Zwanzigerjahre kommentierte die politisch grundierte Dada-Szene das Zeitgeschehen und widersetzte sich dem Autoritätsdenken. War die künstlerische Moderne politisch auch progressiv, so herrschten doch zwischen den Geschlechtern meist die alten Verhältnisse. Hannah Höch gelang es jedoch, sich als einzige Frau in der Männerbundkultur der Berliner Dada-Szene um Raoul Hausmann, George Grosz, Richard Huelsenbeck und John Heartfield zu behaupten. Nachdem sie sich aus der für sie qualvollen Beziehung zu Hausmann lösen konnte, begann Hannah Höch, ein Netz von Freundschaften zu knüpfen, das ganz Europa umfasste – Schwitters, Arp, van Doesburg, Mondrian, Moholy Nagy, Lissitzky gehörten dazu. In Den Haag lernte sie die Schriftstellerin Til Brugman kennen, die für lange Jahre ihre Lebensgefährtin wurde.

Ab 1933 gerieten avantgardistische Kunst- und Literaturschaffende in Deutschland immer mehr in Bedrängnis. Auch Hannah Höch wurde als ‹Kulturbolschewistin› diffamiert. Sie wanderte jedoch nicht aus, sondern zog sich ab 1939 gänzlich in ihr kleines Haus am Rand von Berlin zurück, «ein idealer Ort zum Vergessenwerden». Damit rettete sie nicht nur sich, sondern ebenso zahlreiche Werke ihrer emigrierten Freunde vor den Nazis. Die Künstlerin legte in ihrem Versteck auch einen Garten an, der das Haus mit wuchernder Fülle zunehmend umschloss. Er wird in der Basler Ausstellung in einer eigenen Abteilung mit Werken, Fotos und Filmen dokumentiert.

«Ich habe mir selbst immer das Höchstmass an Freiheit zugestanden.» Diese selbstbewusste Äusserung Hannah Höchs galt ihrer künstlerischen Arbeit. Sie gilt aber ebenso für ihr Leben. Höch liess sich trotz widrigster Umstände nicht von Konventionen beengen und wollte sich auch als Künstlerin nicht in eine Schublade stecken lassen. Auf die Rolle der Grande Dame de Dada lässt sich Hannah Höch tatsächlich nicht reduzieren.

Sibylle Ryser

 

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