Enfants terribles

‹Bad Blood› im Plug In

ProgrammZeitung 6/2004, Kulturjournal für die Region Basel
www.programmzeitung.ch

Die amerikanische Künstlerin Marlene McCarty zeigt eine interaktive cinematische Installation zu Identitätsfragen.

Wie sehr das gesellschaftliche Leben auf den Anpassungsleistungen jedes einzelnen Menschen basiert, rückt meist erst im Konfliktfall ins Bewusstsein. Die Selbstverständlichkeit sozialer Normen wird plötzlich brüchig, wenn diese durch abweichendes Verhalten in Frage gestellt werden und uns zeigt, dass Normalität ein Konstrukt ist – ebenso wie Identität. Solchen Fragen nach Sozialisierung und Konstruktion von (Geschlechts-)Identität geht die amerikanische Künstlerin Marlene McCarty seit längerem nach. Sie recherchierte mehrere Fälle junger Frauen, die in Mordtaten verwickelt waren, sei es, dass sie selbst zu Mörderinnen ihrer Eltern oder von ihren Nächsten umgebracht wurden. Aus kriminologischer Sicht sind dies seltene Fälle, und es geht McCarty denn auch nicht um Aspekte weiblicher Delinquenz als vielmehr Dissidenz. Wie kommt es, dass durchschnittliche pubertäre Konflikte plötzlich ins Dramatische kippen und der Sozialisierungsprozess radikal entgleist? McCarty thematisiert die Pubertät als fragilen Zustand, der die gesellschaftlichen Anforderungen an die eigene Identität schmerzhaft deutlich werden lässt – die zu erfüllende Norm stellt sich als Zwang und Zumutung dar und kollidiert mit den Verheissungen eines autonomen Erwachsenenlebens. So offenbart sich die Pubertät als potenzielle Bruchstelle jeder Biografie.

Rollenspiele

In einer Serie monumentaler, minutiös gefertigter Zeichnungen porträtierte McCarty ihre Protagonistinnen, die unter dem Titel ‹Girls› international ausgestellt wurden, 1998 und 2004 auch in der Schweiz (kürzlich etwa in der Kunsthalle St. Gallen). Nun hat die Künstlerin mit einer dieser Figuren eine interaktive Videoinstallation realisiert: In ‹Bad Blood› begegnen wir dem kalifornischen Teenager Marlene Olive (gespielt von Jessica Campbell). Beeinflusst durch unser Verhalten erzählt sie uns Sequenzen aus ihrer verworrenen und tragischen Geschichte, agiert dabei in den unterschiedlichen Rollen, die sie gegenüber ihrem Umfeld einnahm. Das Erproben von Identitäten gehört zum Repertoire pubertärer Verhaltensweisen – Marlene Olive ist rebellische Nervensäge, braves Mädchen, imaginierte Sexgöttin – und wird zur verzweifelten Mörderin. Ihr Fall wird uns nicht linear geschildert, vielmehr sind wir selbst daran beteiligt, die Geschichte voranzutreiben oder zu bremsen – ist ihre Erzählung glaubhaft oder werden uns Teile davon vorenthalten? Die gebrochene Narration soll Raum bieten zur Aktivierung der eigenen Erinnerung, für persönliche Fragen nach der eigenen Identität und Geschlechterrolle. Werden wir zu unfreiwilligen KomplizInnen der Delinquentin oder retten wir uns in die vermeintlichen Sicherheiten moralischer Wertungen und distanzierter Analysen?
 

Avantgardistische Medienkunst

‹Interaktivität› ist ein beliebtes Schlagwort der Medienkunst – die diesbezüglichen Erwartungen des Publikums wurden allerdings häufig enttäuscht. Annette Schindler, Leiterin des Basler Plug In, stellt jedoch fest, dass die Medienlandschaft inzwischen nicht mehr von oft unreflektierter Technologiebegeisterung geprägt sei, sondern vermehrt inhaltlich motivierte Fragestellungen am Anfang stünden. Für ‹Bad Blood› zeichnet sie gemeinsam mit Jon Marcus als Produzentin. Damit kann Plug In erstmals eine lang gehegte Absicht verwirklichen und sich an der Realisation künstlerischer Projekte beteiligen. Die dreijährige Vorlaufphase verdeutlicht, wie komplex die Sache ist. Es galt, zuerst die adäquate technische Umsetzungsform für McCartys künstlerische Absichten zu finden und sodann Projektpartner und Fachleute zu gewinnen. Mit ‹Bad Blood – Stage One› wird nun eine erste Fassung der Installation gezeigt. Geplant sind zwei weitere Versionen, in der letzten soll Marlene Olive dereinst als computergenerierte Figur in einer so genannten Cave-Umgebung auftreten und in Echtzeit reagieren. Die Technologie, die solches ermöglicht, muss freilich noch entwickelt werden.

Sibylle Ryser

 

Kulturjournalismus