Die Farbe regiert

Zur Landschaftsmalerei von Verena Schindler

Begleittext und Rede zur Ausstellung in der Galerie Ursula Huber, Basel, Februar 2012
Basiert auf einem unveröffentlichten Text in der Dokumentation von Verena Schindler
www.verenaschindler.ch
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Landschaft ist wahrgenommene Natur. Sie entsteht – wie Schönheit – im Auge des Betrachters. So ist auch die Geschichte der Landschaftsmalerei eine Geschichte der Wahrnehmung. Gebirgsdarstellungen wandelten sich von schematisch wiedergegebenen Schreckenswüsten zu naturalistisch überhöhten Metaphern für das Erhabene der Natur. Die Romantik spiegelte in der Landschaftsmalerei menschliche Seelenzustände; der Impressionismus revolutionierte sie durch einen nie zuvor gesehenen Einsatz von Farbe und Licht.

Die Landschaften Verena Schindlers sind nicht Wiedergabe bestimmter Landstriche, selbst wo sie sich aus Natur­erlebnis und -erinnerung nähren. Wohl gibt es spezifische Referenzen, Landschaften, in und mit denen die Malerin gelebt hat: die kalifornische Pazifikküste und die Wüsten von New Mexico, Bündner Bergtäler und Tessiner Wälder. Ihre Werke sind jedoch keine Abbilder, sie sind gleichsam selbst Landschaft. Ist es ein Blick von unten in grünes Blätterwerk oder eher eine Sicht aus weiter Ferne, hinunter auf abstrakt gewordenes Terrain? Kein perspektivisch formulierter Bildraum, keine auf das Bildformat bezogene Komposition, nicht einmal ein angedeuteter Horizont gibt dem Betrachter Halt. Diese Malerei will ihr Format überwinden, sich über den Bildrand hinausdehnen, das Unbegrenzte der Landschaft spürbar machen. In früheren Arbeiten finden sich noch formale Anklänge – dunkle Streifen auf hellem Grund blitzen wie Birkenrinde zwischen roten und grünen Flächen hervor –, die neueren Landschaften haben das Formale gänzlich hinter sich gelassen. Die Farbe regiert.
Formlos und ausufernd negiert die Farbe jegliche Form, vertraut ganz dem Licht und der Bewegung. Die Farbmischung entsteht ausschliesslich auf der Leinwand, auf der Palette bleiben die Grundtöne getrennt, Kadmium und Indisch Gelb, Oxydrot, Karmin und Umbra, Preussischblau und Kobalt. Mit Pinsel, Spachtel und von Hand bringt die Malerin ihr Material auf die Leinwand. Der Spachtel nimmt mehrere Farben auf, ihre Mischung entsteht durch Bewegung, je nach Druck und Werkzeug entstehen verschiedene Farbtöne, Intensitäten, Strukturen. Tiefe wird durch lasierende Schichten von Komplementärfarben erzeugt, Dunkelheit ist nie schwarz, sie ist vibrierende Komplementarität. Verena Schindler bringt zudem Asche auf die Leinwand, ihre Vielfalt an Grüntönen wird noch reicher, wenn Gelb auf Asche trifft. «Asche hat keine Stimme mehr», sagt die Künstlerin. Mit Bindemittel angerührt, verliert Asche jeglichen Körper, wird zu einer weichen, strukturlosen Masse, die sich mit der Farbe amalgamiert und ihr Plastizität verleiht. Asche ist transformierte Materie, sie macht Farbe zur haptischen Erfahrung.

Die Landschaft entsteht im Dialog der Künstlerin mit dem Bild, sie ist die Antwort des Bildes auf den Prozess des Malens: Das Bild ist an seiner Entstehung mitbeteiligt. Keine Vorstellung eines Endprodukts beeinflusst den Entstehungsprozess, nicht die konzeptuelle Absicht leitet die schöpferische Arbeit am Bild. Verena Schindlers Malerei offenbart ihren Landschaftscharakter in der Betrachtung: im Dialog mit dem Bild.

Sibylle Ryser

 

Kulturjournalismus