Gemütliche Höhle des Widerstands

ProgrammZeitung 02/2011, Kulturjournal für die Region Basel
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Das Neue Kino feiert sein 25-jähriges Bestehen.

In der Nacht auf den 1. Mai 1986 debütiert das Neue Kino mit der Projektion von ‹Themroc›. Der Kultfilm aus den Siebzigerjahren erzählt die Geschichte eines Proletariers, der gegen eine Arbeitswelt Orwell’scher Prägung rebelliert, indem er zum Höhlenmenschen regrediert – eine grotesk überdrehte Gesellschaftskritik, deren tiefschwarzer Humor nie mehrheitsfähig war. ‹Themroc› ist keine zufällige Wahl. Das Gründungskollektiv vertritt eine leidenschaftlich kapitalismuskritische Weltsicht, gemildert durch Lebenslust und Selbstironie. Man erkennt ‹Gewinnorientierung› als Wurzel aller Übel und Ursprung einer ‹Kulturverarmung›, die nebst anderen Symptomen stromlinienförmige Kinoprogramme hervorbringt. Man will dem US-Mainstream etwas entgegensetzen, einen Ort, an dem auch nichtkommerzielles Filmschaffen sein Publikum finden kann.

Foto: Thomas Kneubühler, www.thomaskneubuhler.com

Nach dem Debut im ehemaligen Kino Union und Zwischenstation im Rheinhafen findet man im Oktober 1986 eine Bleibe in der besetzten Alten Stadtgärtnerei, wo Filmprogramme zu politischen Themen gezeigt werden. Im Juni 1988 wird die ‹Stazgi› polizeilich geräumt und abgebrochen, auch das Neue Kino muss weiterziehen. Es wird zum Wanderkino, gastiert an Veranstaltungen, zeigt Filme open air. Man bemüht sich um Geld und Räume vom Staat, der nach der Schleifung des Kulturbiotops Stadtgärtnerei moralisch in der Pflicht steht. 1991 findet das Neue Kino seinen festen Ort in einem Hinterhaus in Kleinhüningen.
 

‹Anderes Kino› in anderen Städten

Die Jugendbewegungen der Achtzigerjahre bringen in etlichen Schweizer Städten ‹andere Kinos› hervor: 1985 entsteht das Kinok in St. Gallen, 1988 das Kino in der Reitschule Bern, und

bereits seit 1980 gibt es das Xenix in Zürich. Trotz vergleichbaren Anfängen entwickeln sich diese Spielstätten in der Folge ganz unterschiedlich. Das St. Galler Kinok wird zum Programmkino, vergleichbar dem Stadtkino Basel. Vor kurzem ist es ins neue Kulturzentrum Lokremise eingezogen und damit definitiv in der etablierten Kultursphäre angekommen. Das Berner Kino in der Reitschule dagegen hat nie staatliche Unterstützung erhalten und pflegt bis heute ein widerständiges Selbstverständnis. Die Treue zu alten Idealen hat auch damit zu tun, dass es in seiner alten Heimat überleben konnte – den politischen Überbau bildet noch immer die Reitschule, die sich ihre Existenzberechtigung auf Betreiben der SVP in regelmässigen Abständen vom Stimmvolk bestätigen lassen muss.

Das Zürcher Xenix kann von seiner attraktiven Lage profitieren: Die Xenix-Bar ist von Beginn weg ein ‹place to be› und bis heute eine wichtige Einnahmequelle für das Kino. Schon bald gibt es Geld vom Staat, was einen regulären Betrieb mit allabendlichen Vorstellungen und bezahlten Arbeitsplätzen sichert. Das Xenix professiona- lisiert sich laufend, es produziert gar ‹spin offs› wie den Filmverleih Xenixfilm. Auch das Kino Riff Raff (heute mit vier Sälen und zwei Bars) hat seinen Ursprung im Xenix, und ein ehemaliger Xenix-Aktivist leitet die Zürcher Arthouse Kinos.
 

Ehrenamtlicher Widerstand

In Basel liegen die Dinge nochmals anders. Mit der Räumung der Alten Stadtgärtnerei verliert das Neue Kino den Rahmen eines grösseren Kollektivs, schafft es aber in den folgenden Jahren auch nicht, sich zum Programmkino zu entwickeln. Diese Position besetzt in Basel bereits das Stadtkino, und anders als in Zürich, wo die Stadt mit dem Filmpodium seit langem ein eigenes Programmkino betreibt und zusätzlich das Xenix unterstützt, hat die Basler Regierung mehrfach deutlich gemacht, dass ihr die Filmkultur nicht sonderlich am Herzen liegt. Unterstützung vom Staat erhält das Neue Kino in den Neunzigern immerhin in Form einer vom RAV bezahlten Bürostelle; Stiftungen wie GGG und CMS finanzieren infrastrukturelle Verbesserungen wie die Heizung oder eine neue Bestuhlung.

1998 gibt es einen grösseren Wechsel im Kollektiv, mehrere Gründungsmitglieder treten ab. Anders als in St. Gallen, wo sich einige Pioniere zu Profis mausern, und anders als in Zürich, wo die Gründergeneration kommerzielles Terrain erobert, arrangiert sich das Neue Kino mit seiner marginalen Position im Hinterhof am Stadtrand. Ehrenamt bleibt Ehrensache, man arbeitet ohne Lohn und meidet alles Kommerzielle. Schwierig, dagegen etwas einzuwenden, eine solche Haltung ist in Zeiten des ökonomischen Diktats sympathischer denn je.

Dennoch: Eine Folge dieser Selbstgenügsamkeit ist, dass betriebliche Aspekte wie Publikumspflege oder Öffentlichkeitsarbeit a priori unter Kommerzverdacht stehen. Hinzu kommt der diffus gewordene Kollektivgedanke, Arbeitsteilung oder Bezahlung sind tabu, aber nachdem das pionierhafte Engagement für ein gemeinsames Projekt geschwunden ist, stellt sich die Motivationsfrage heute anders. Abgesehen von punktuellen Kooperationen mit der Uni, der HGK oder Veranstaltungen wie Culturescapes präsentieren die gegenwärtigen Aktivmitglieder vor allem jene Filme, die sie selber gerne sehen möchten. Das sorgt zwar für ein weites Spektrum und tolle Überraschungen, aber noch nicht für ein kohärentes Programm. Hier zeigt sich die Problematik des Ehrenamts: Jede/r trägt zwar nach Möglichkeit etwas bei, aber ein Gesamtkonzept ist nicht zu erkennen. Zukunftsvisionen? Am liebsten soll alles bleiben, wie es ist, auch wenn man zuweilen vor sehr wenig Publikum spielt und an der Bar oft unter sich ist.

Was soll man dem Neuen Kino zum Jubiläum wünschen? Zuallererst mehr Menschen, die den Weg an den Stadtrand nicht scheuen und neugierig sind auf filmische Erlebnisse, die weder in der Steinenvorstadt noch auf youtube zu haben sind. Aber auch eine Stärkung jener Kräfte, die Weiterentwicklung nicht für Verrat von Idealen halten, ein Team, das den Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse nicht mit dem Rückzug in die eigene Höhle übersetzt.

Sibylle Ryser

 

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