Grenzwerte. Die beiden Basel an der Expo

Essay zum Auftritt der beiden Basel an der Expo.02,
in: Basler Stadtbuch 2002 (Ausgabe 2003), Christoph Merian Verlag.
Zum Pavillon «Viv(r)e les frontières» gestaltete ich auch die offizielle Begleitpublikation (siehe Buchgestaltung).

An der Expo.02 beteiligten sich auch die Kantone mit vier eigenen Ausstellungen: die Ostschweiz mit «Aua extrema», der Espace Mittelland mit «Heimatfabrik» und die Innerschweiz mit «kids.expo». Basel-Stadt und Baselland gestalteten zusammen mit sechs weiteren Kantonen (GE, JU, NE, TI, VS, ZH) den Pavillon «Viv(r)e les frontières, Grenzen (er)leben, Vivere le frontiere» auf der Arteplage Biel. Seine Entstehungsgeschichte illustriert das Thema des Projekts auf eindrückliche Weise.

 


Die Schweiz, erklärte Willensnation und stolz auf föderalistische Eigentümlichkeiten, unternimmt einmal pro Generation den Versuch, sich in einer Landesausstellung als Ganzes – wenn auch nicht zwingend als Einheit – zu präsentieren. Im Unterschied zu früheren Selbstdarstellungen war 2002 eine Bestandesaufnahme gefragt, die keineswegs nur den gesellschaftlichen Status quo zu inventarisieren hatte. Erwartet wurde vielmehr Visionäres, Zukünftiges, Noch-nie-Gesehenes: gewissermassen die Abbildung einer Schweiz ‹in statu nascendi›.

Die Erfindung der Schweiz (1) demnach als laufender Prozess. Zu dessen Mitgestaltung waren auch die Kantone aufgerufen: im Herbst 1997 wurden die 23 Stände von der künstlerischen Direktion der Expo.01 aufgefordert, sich zu vier Gruppen zusammenzuschliessen und je ein Projekt zu realisieren. Die Ostschweiz, der Espace Mittelland und die Innerschweiz fanden sich im Rahmen bereits existierender Kooperationsstrukturen rasch und pragmatisch zu entsprechenden Einheiten. Während sich diese quasi ‹natürlichen› Gemeinschaften auch durch geografische und kulturelle Verbundenheit auszeichnen, war solches bei der vierten Gruppe nicht der Fall – die acht verbleibenden Kantone weisen tatsächlich mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten auf. Nicht nur umfassen sie drei verschiedene Sprach- und Kulturräume, auch ihre jeweilige Rolle in der Eidgenossenschaft ist ungleicher Natur. Vom wirtschaftlich dominanten Grosskanton Zürich zur Randregion Tessin, vom eigensinnigen Bergland Wallis zum eleganten Neuchâtel, vom ‹enfant terrible› Jura bis zur weltgewandten République de Genève spannt sich der Bogen. Die entzweiten Schwestern Basel-Stadt und Baselland passten da bestens in die bunte Gesellschaft.
 

Die exemplarische Restmenge

Die letzte Gruppe entstand also aus den übrig Gebliebenen, gleichsam ‹faute de mieux› – eine Voraussetzung, die sich denkbar schlecht zur Mythenbildung eignet. Dennoch widerspiegelt diese Ausgangslage auf exemplarische Weise die helvetische Realität – die Neuerfindung der Nation im Modellversuch konnte beginnen. Weder verbindliche Strukturen noch ein verbindendes Thema waren gegeben, sondern mussten unter typisch eidgenössischen Rahmenbedingungen erarbeitet werden: über drei Kultur- und Sprachgrenzen hinweg suchte man nach dem gemeinsamen Nenner. Dass dieser in der je gegebenen Berührung mit der Landesgrenze gefunden wurde, erscheint als Parallele zur Konföderation schon nahezu klischeehaft – die Aussengrenze schafft die Binnenverbindung.

Die vordergründige Gemeinsamkeit lässt die Unterschiedlichkeit der acht Partner jedoch nur umso deutlicher zu Tage treten, denn das Angrenzen ans Ausland hat für die Beteiligten nun gerade keine einheitliche Bedeutung. So ist das Tessin durch die Alpenkette von der übrigen Schweiz ebenso spürbar getrennt wie durch die politische Grenze vom Nachbarland Italien. Wo Zürich im Hinterland auf einer verhältnismässig bescheidenen Strecke an Deutschland grenzt, ist die Berührungslinie von Genf mit Frankreich weitaus länger als diejenige mit der Schweiz. Für Basel-Stadt sind die doppelten Auslandsgrenzen von zentraler Bedeutung, geografisch wie politisch, historisch wie alltäglich. Dass die beiden Basel ausserdem mit dem Rücken zur Deutschschweiz stehen und dafür über den Jurabogen mit der Romandie verbunden sind, manifestiert sich des öftern als ‹Läckerligraben› in den Resultaten nationaler Abstimmungen. Mit der Ernennung einer gemeinsamen Expo-Delegierten schafften die beiden Halbkantone für ihr Grenzprojekt sogar die spontane, wenn auch nur temporäre Wiedervereinigung – was die dialektische Wirkung von Grenzen aufs Trefflichste illustriert.

Die acht ‹Grenzkantone› wollten ihr Thema jedoch nicht auf topografische und politische Gegebenheiten beschränken, sondern unter psychologischen und gesellschaftlichen Perspektiven angehen, soviel stand von Anfang an fest. Das weitere Vorgehen entspricht klassisch föderalistischer Tradition: jeder Kanton beteiligte sich an der Entwicklung inhaltlicher Vorschläge, entschied aber selbst, wie er diese beibringen wollte. In bester ‹Cuisine›-Manier (noch war Pipilotti Rist künstlerische Direktorin) stürzte sich das vereinigte Basel in den kreativen Prozess. In der ersten Jahreshälfte 1998 trafen sich Exponenten unterschiedlichster Berufe, vom Ökonomen über den Archäologen bis zur Künstlerin, in so genannten ‹think tanks› zum grenzenlosen Brainstorming. Die Resultate ihrer Recherchen stellten sich die Kantonsvertreter im Mai gegenseitig vor – auch sie entstammten im übrigen diversen Ressorts, die Palette reichte vom Tourismusverantwortlichen über die Kulturbeauftragte zum Staatsarchivar. Man einigte sich auf ein Thesenpapier zuhanden der Expo.01, deren Jury im Juli das Projekt ‹Viv(r)e les frontières, Grenzen (er)leben, Vivere le frontiere› grundsätzlich gut hiess, mit Anregungen versah und in die Überarbeitungsphase schickte. Im März 1999 wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, den im Oktober das Stuttgarter Atelier Brückner (Architektur und Szenografie) zusammen mit Nüssli Special Events (Totalunternehmung) gewann. Für die Realisierung standen ein Budget von 7,5 Mio Franken und zusätzliche 12 Monate zur Verfügung – soeben hatte der Bundesrat die Expo auf 2002 verschoben.

Über die nächsten zwei Jahre hinweg wurde der gekürte Entwurf in regelmässigen Sitzungen mit den Kantonen und der Expo kontinuierlich überarbeitet. Der Entstehungsprozess selbst wurde so zur «positiven Grenzüberschreitung» und ebensolcher «Grenzerfahrung» für alle Beteiligten, wie es Hedy Graber bzw. Martin Heller formulieren (2). Solche Wertungen zeugen vom Erstaunen darüber und vom Stolz darauf, den ‹Kantönligeist› überwunden und relativ unbürokratisch ein Projekt realisiert zu haben, bei dem die Inhalte im Zentrum standen. Der Stolz ist berechtigt, doch das Erstaunen erstaunt: war es nicht letztlich der Geist des Föderalismus, den die Grenzkantone neu entdeckten, neu erfanden? Er erscheint heute allzu oft als Gespenst überholter Privilegien. Doch wo keine institutionellen Reviere markiert werden müssen, vermag die ursprüngliche Idee in alter Frische zu wirken.
 

Dessine-moi une frontière

Das Resultat der grenzüberschreitenden Bemühungen liess sich ab 14. Mai 2002 in Biel sehen. Wer sich dem Pavillon näherte, hatte zunächst ein labyrinthisches Stangenfeld zu durchschreiten, das die Grenze zwischen innen und aussen als Raum erlebbar machte und so die gängige Vorstellung von der Grenze als Linie in Frage stellte. An den Holzstangen angebrachte Blechschilder mit bestehenden und erfundenen Geboten und Verboten provozierten die eigene Stellungnahme. Über eine Treppe gelangte man in den scheinbar schwebenden, matt spiegelnden Kubus im Innern des Stangenwaldes, der als Bühne für die Inszenierung beispielhafter Aspekte des Grenzthemas diente. Die Wände des offenen Raumes wurden durch einen Kurzfilm in ein Panorama aus bewegten Bildgeschichten verwandelt. In dahinter liegenden Kojen konnten sich die Besucherinnen und Besucher sieben persönliche Geschichten anhören, in denen existenzielle Grenzen und deren Überschreitung thematisiert wurden: jung und alt, valid und invalid, Integration und Ausgrenzung, Mann und Frau, öffentlich und privat, menschlich und übermenschlich, Leben und Tod. Die Zuhörerinnen und Zuschauer mochten die dargestellten Grenzen akzeptieren oder ablehnen – in jedem Fall wurde ihnen vor Augen geführt, dass jede Grenze erst in Bezug auf den eigenen Standpunkt ihren Sinn erhält. Womit die Grenze letztlich doch wieder als Ort definiert war: als Ort des Denkens, der die Widersprüche in sich vereinigt.

Sibylle Ryser
 

  • (1) So der Titel einer Ausstellung, die das Landesmuseum 1998 aus Anlass des 150-jährigen Bestehens des Schweizerischen Bundesstaates ausrichtete. Katalog: ‹Die Erfindung der Schweiz 1848–1948. Bildentwürfe einer Nation›, Chronos Verlag, Zürich 1998.
  • (2) Im Buch zum Ausstellungsprojekt: ‹Viv(r)e les frontières, Grenzen (er)leben, Vivere le frontiere›, hg. von Hedy Graber und Lisa Humbert-Droz, Christoph Merian Verlag, Basel 2002.

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