Lob der Koexistenz

‹Art City Basel›: Die Kunstmessen im Juni

ProgrammZeitung 6/2001, Kulturjournal für die Region Basel
www.programmzeitung.ch

Seit Mitte der Neunzigerjahre boomt die junge zeitgenössische Kunst.
Die Liste hat sich diesem Sektor ganz verschrieben, aber auch an der Art gibt es entsprechende Plattformen.

Jedes Jahr im Juni feiert Basel seinen Status als temporärer Nabel der Kunstwelt. Nie ist die Stadt weltoffener als während der Kunstmessen Art und Liste, aus denen nach anfänglicher Aufregung um die ‹Gegenmesse› ein schönes Paar geworden ist. Die beiden Veranstaltungen ergänzen sich heute aufs Trefflichste, wobei die Rolle der Liste in gewissem Sinne einem Durchlauferhitzer gleicht. Jungen Galerien einen frühen Einstieg in den internationalen Kunstmarkt zu ermöglichen, ist ihr erklärtes Ziel, und Peter Bläuer, Organisator der ersten Stunde, stellt befriedigt fest, dass seine Messe heute ‹Sprungbrettcharakter› hat. Ein Beispiel dafür bietet die Art: In den ‹Statements›, ihrem Sektor für junge Kunst, finden sich dieses Jahr neun von 17 teilnehmenden Galerien, die an der Liste debütierten.

Diese ‹Abwanderung› ist alles andere als negativ zu werten, sie entspricht vielmehr dem Konzept der Liste und dokumentiert ihren Erfolg. Denn wer sich etabliert hat, erfüllt die Kriterien des ‹Young Art Fair› nicht mehr. Beobachtet man das Marktkarussell, das sich in der Kunstwelt bald ebenso schnell dreht wie im Popbusiness, könnte man vermuten, dass hier junge Kunst ‹verheizt› wird. Doch die Liste setzt auf Kontinuität: Wer einmal aufgenommen wurde, kann damit rechnen, für die nächsten paar Jahre wiederzukommen. Den Galerien wird eine Entwicklungszeit zugestanden, im besten Fall hin zu internationalem Markterfolg, was folgerichtig zum Ausschluss führt. Die Befürchtung, im Warteck die immergleiche Avantgarde anzutreffen, ist also unbegründet: An der Liste 01 sind 26 von 43 AusstellerInnen zum ersten Mal dabei. Darunter findet sich gar eine neue Galerie aus Basel, was angesichts der Verlagerung der ‹jungen› Kunstszene nach Zürich neugierig macht: Nicolas Krupp zeigt Arbeiten von Monica Studer/Christoph van den Berg, die derzeit auch im Kunsthaus Baselland ausstellen.
 

Kunst und Metaphysik

Die Art, unangefochtene Diva aller Kunstmessen, kreiert jährlich eine einmalige Situation: die Verdichtung der internationalen Kunstwelt in Zeit und Raum. Der Vorgang hat tatsächlich etwas Metaphysisches, und wer die Existenz von Paralleluniversen für zumindest fraglich hält, ist noch nie an einer Art-Vernissage gewesen. Die Liste nährt sich von diesem Boden und bietet ihren Gästen die Möglichkeit der Teilhabe. Wenn die Art ihrerseits von der Spürnase der Liste profitiert und sie als ‹Testgelände› nutzt, so kommt diese dabei keineswegs zu kurz. Ohne Art gäbe es keine Liste, weil letztere erst in deren Umfeld überhaupt Sinn macht. In gewisser Weise könnte man das Verhältnis der beiden Messen als eines von Wirt und Parasit verstehen – aber nur, wenn man sich vor Augen hält, dass solche Beziehungen für alle Beteiligten auch äusserst fruchtbar sein können. Beide Seiten sind denn inzwischen auch des Lobes voll über die bereichernde Koexistenz.

Zu den GewinnerInnen gehören auch die noch unbekannten Kunstschaffenden. Für junge Galerien ist ein Auftritt an der Art ein Ding der schieren Unmöglichkeit, zum einen wegen renommiertester Konkurrenz, zum andern lässt sich mit nicht-etablierter Kunst ganz einfach keine Standmiete einspielen. Wenn die Art auch keine selbstlose Nachwuchsförderung betreibt, so ist sie sich der Problematik doch immer bewusst gewesen und hat schon früh vergünstigte Bedingungen für den zeitgenössischen Sektor geschaffen. Seit 1974 gab es Fenster auf die Gegenwart, die ‹Neuen Tendenzen›, ‹Perspektiven› und ‹Young Galleries›. 1996, zeitgleich mit der ersten Liste, wurden die ‹Statements› lanciert. Mit Einzelschauen wird hier auf die KünstlerInnen fokussiert. Die Galerien können durchaus etablierte sein, sofern sie sich für junge Positionen engagieren. Bedingung ist, dass die Teilnehmenden noch nie in einer Einzelausstellung im Museum zu sehen waren. Das Interesse an den ‹Statements› ist gross: 240 Bewerbungen lagen für die 17 Plätze vor. Gesponsert wird der Sektor von der Bâloise Versicherungsgruppe, die zudem einen mit 50000 Franken dotierten Kunstpreis hälftig an zwei Teilnehmende der ‹Statements› verleiht, jedoch keinen Einfluss auf die Auswahl der beteiligten Galerien hat. Die Bâloise geht mit ihrem Kunstengagement innovative Wege: Zum Preis gehört ein Ankauf von Werken, die aber nicht in der Firmensammlung verbleiben, sondern als Geschenk an Museen gehen und so eine nachhaltigere Öffentlichkeit erfahren.
 

Kunst und Markt

Jurypräsident des ‹Prix Bâloise› ist Martin Schwander, früherer Direktor des Kunstmuseums Luzern. Er betreut die Sammlung der Versicherung und berät sie beim Kunstsponsoring. Mit der Art ist Martin Schwander noch auf andere Weise verbunden: Zusammen mit Simon Lamunière (Genf) kuratiert er die ‹Art Unlimited›, ein Sektor, der letztes Jahr Première hatte. In der neuen Halle 1 steht mit 12000 Quadratmetern ein Raum zur Verfügung, der die üblicherweise frustrierend engen Platzverhältnisse an Messen weit hinter sich lässt. Hier wird versucht, gleich zwei Bedürfnissen Rechung zu tragen: Einerseits können monumentale Werke und raumgreifende Installationen bekannter Kunstschaffender gezeigt und verkauft werden, die ansonsten aus logistischen und finanziellen Gründen kaum zu sehen sind. Die moderaten Mietkosten ermöglichen es den Galerien, die Aufwendungen für solche Präsentationen zu verkraften. Zum anderen erlaubt es der finanzielle Rahmen, dass auch jüngere Galerien mithalten und Werke vorstellen können, die sich, wie so viele Arbeiten der Neunzigerjahre, nicht an die Standardvorgaben von Messeständen halten. Martin Schwander hofft, dass die neue Plattform die Art auch für KünstlerInnen (und nicht nur für Galerien) interessanter macht, indem eine Situation geschaffen wird, die zeitgenössischen Kunstformen keine unnötigen Wände in den Weg stellt.

‹Art Unlimited› ist mit grossem Erfolg und viel Beachtung gestartet – eine weitere glückliche Kombination von Geld und Kunst. Man braucht von ökonomischen Zusammenhängen nicht viel zu verstehen, um nachvollziehen zu können, dass der Kunstmarkt den Bewegungen der Wirtschaft folgt. Die gegenwärtige Wirtschaftslage erlaubt den Wohlhabenden ein Interesse an unsicheren Werten – und Kunst war schon immer auch auf Geld angewiesen. Basel hat das Glück, diese oft schwierige Verbindung immer wieder von ihrer positiven Seite zu erleben.

Sibylle Ryser

 

Kulturjournalismus