Medium für Feinschmecker

50 Jahre DRS2

ProgrammZeitung 01/2006, Kulturjournal für die Region Basel
www.programmzeitung.ch

Eine kulturelle Institution feiert Jubiläum und serviert akustische Leckerbissen.

Mattinata, Kontext, Reflexe, Apéro, Atlas, Diskothek im Zwei – wer dabei an Radiosendungen denkt, ist Teil jener beachtlichen Minderheit von 400 000 Menschen, die DRS2 hören. Klassik und Kultur sind für das Zweite seit 50 Jahren Programm, und dies wird heuer gefeiert. «DRS2 ist der grösste Kulturanbieter der Deutschschweiz», schreibt Programmleiter Arthur Godel in der Jubiläumsbroschüre. Das mag sein, doch zur Hauptsache wird die Sendezeit durch die Wiedergabe musikalischer Konserven bestritten. Allerdings gebührt den Wortsendungen im Zweiten tatsächlich Lob und Aufmerksamkeit. Täglicher Qualitätsjournalismus findet sich nur in wenigen Medien, egal welch technischer Natur sie sind.

Eine Perle unter den hausgemachten Formaten ist eine noch junge Erfindung: Der ‹Hörpunkt am Zweiten im Zwei›, ein ganzer Tag zu einem einzigen Thema. Sie widerspricht so ungefähr allen Empfehlungen des zeitgenössischen Marketings – keine Häppchen, vielmehr ein Brocken, der noch dazu das Stammpublikum irritiert, indem er die gewohnte Tagesstruktur ausser Kraft setzt. Für so viel publizistische und strategische Unverfrorenheit müsste man DRS2 einen Orden verleihen.
 

Publikumsnähe

Obwohl Radio DRS im europäischen Vergleich ein Zwerg mit geringen Mitteln ist, steht DRS2 mit fünf Prozent Marktanteil an der Spitze der Kultursender Europas. Die Zeiten waren nicht immer rosig – Anfang der Neunzigerjahre wurden die Existenzberechtigung des Kulturprogramms in Frage gestellt und dem angeblich ‹elitären› Zweiten die Mittel gekürzt. Rechtspopulisten polemisieren gerne gegen das ‹Staatsradio› – wie so oft leicht daneben, denn Radio DRS ist wohl gebührenfinanziert, steht aber unter privater Trägerschaft. Die Gründung des ‹Kulturclubs›, der heute 13000 Mitglieder zählt, geht auf jene schwierige Zeit zurück und ist noch immer ein starkes Argument für einen Kultursender mit Ansprüchen.

Die Verbundenheit mit seiner Hörerschaft zelebriert DRS2 auch im Jubeljahr: In täglichen Kurzporträts werden VertreterInnen jener «wechselnden Minderheiten» vorgestellt, die sein Publikum ausmachen. Mit einem weiteren Jubiläumsformat, dem ‹Geburtstagsständchen›, ist das Zweite «bei den Leuten», wie Peter Burri, Redaktionsleiter Kultur DRS2, es ausdrückt. Überraschungsbesuche bei anderen Jubilaren werden live vom Ort des Geschehens gesendet. Burri ist u.a. auch Erfinder des ‹Zwischenrufs›, der ‹DRS2-Kolumne› sozusagen: In anderthalb Minuten äussern sich Redaktorinnen und Moderatoren auf persönliche Weise zu selbst gewählten Themen. Dieses Kürzestformat entspricht eher dem ungeduldigen Zeitgeist, flach ist es deswegen nicht – die Komprimierung fördert hier die Prägnanz.
 

Kreative Nische

Der Rundfunk war eines der ersten Massenmedien des 20. Jahrhunderts, und er hat seine Suggestionskraft vielfach bewiesen: Berühmt ist Orson Welles’ Hörspiel ‹Invasion vom Mars›, mit dem er 1938 die Zuhörenden in Panik versetzte. Offenbar vermochte die Radioversion, was der Buchvorlage – dem Science-Fiction-Klassiker ‹Krieg der Welten› von H.G. Wells – nicht gelungen war: die Suggestion realer Ereignisse. Tatsächlich verhilft die rein akustische Erfahrung zu verblüffender Intimität – Studiogäste und Radioleute scheinen sich zu uns aufs Sofa zu setzen.

Das kann im Fernsehen nie gelingen, denn gerade weil wir die ‹talking heads› sehen, bleiben sie auf ewig in der Kiste eingesperrt. Das Radio hat allerdings auch ein Format erfunden, das heute zum unverzichtbaren Instrumentarium jedes erfolgreichen TV-Kanals gehört: die Soap-Opera. In ihrer Urform war sie eine Radioserie für Hausfrauen, gesponsert von Seifenfabrikanten. Inzwischen ist das Fernsehen zum populärsten Massenmedium der Gegenwart aufgestiegen, während sich das Radio mit der Rolle eines ‹Begleitmediums› begnügen muss. Ob dies die schlechtere Position ist, sei dahingestellt – ermöglicht ein Nischendasein doch zuweilen Freiheiten, die dem Marktführer verwehrt bleiben. Eines haben alle heutigen Medien gemeinsam: ihre Zukunft ist digital, und sie werden sich weiter diversifizieren. Was meine stille Hoffnung nährt, DRS2 dereinst auch klassikfrei empfangen zu können …

Sibylle Ryser

 

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