Modellbauern

Regioartline, Online-Kunstmagazin für die Region Basel, 13.12.04
www.artline.org

ganzblum starten zum «Experiment mit Wechselwirkungen»
im Kaskadenkondensator Basel.

Wir betreten die Parzelle durch den Hintereingang – links in der Ecke eine kleine Müllhalde, vor uns Raum füllend ein Beduinenzelt aus braunem Packpapier. Seine Spannseile nötigen uns zu etlichen Verbeugungen, bevor wir auf die Sonnseite des Ensembles gelangen. Hier präsentiert sich die Szenerie umso einladender: das Zelt öffnet sich zur wohnlichen Höhle, improvisierte Sitzgelegenheiten gruppieren sich im Kreis. In der hinteren Ecke ein Brunnen – auf insektenhaft dünnen Drahtbeinen steht eine abenteuerliche Konstruktion aus Sagexteilen undefinierbarer Herkunft, sie leitet Wasser in einen pseudoantiken Riesenkelch, wie man ihn zuweilen in den Vorgärten ambitionierter Reihenhausbesitzer sieht. Vor dem Zelt ein Gehege aus Wäscheständern und Reisigbündeln, darin scharren leibhaftige Hühner. Die Vernissagegäste bedienen sich aus derselben Art von Futternäpfen, aus denen sich auch das Geflügel ernährt: an Stelle von Körnern rutscht hier das Knabberzeug durch die Nachschubschlitze in die Gummiwanne. Neben dem Hühnerhof ein weiteres überraschendes Gebilde, dessen Gestalt an eine Hollywoodschaukel erinnert: ein hängender Gemüsegarten, überdacht vom mit Neonröhren bestückten Deckel einer Höhensonne.

Organisches und Vorfabriziertes

Haimo Ganz und Martin Blum, alias ganzblum, haben ihr Interesse am Gebauten, Konstruierten bereits mehrfach dokumentiert. Sie untersuchen nicht nur die Typologie der Hütte, bauen auch Labyrinthe, begehbare Höhlensysteme und zuweilen ganze Berge. Ihre Konstrukte bewahren stets die Leichtigkeit des Improvisierten, was sich nicht zuletzt den verwendeten Materialien verdankt: Weggeworfenes, Vorgefundenes, Wertloses. Mit Zivilisationsmüll aktualisieren die beiden begnadeten Bricoleurs die archaische Form des Beduinenzeltes, integrieren dabei Natürliches und Synthetisches, Organisches und Vorfabriziertes. Damit eröffnen sie einen assoziativen Raum, der sich zwischen Romantiksehnsucht und Globalisierungsphänomenen, Authentizitätsdiskurs und Zivilisationskritik aufspannt. Ihre kritische Haltung kommt dabei ohne Pathos oder kulturpessimistische Attitüde aus, sondern bleibt lustvoll spielerisch und erfrischend undogmatisch.
 

 Spielregeln, Interventionen und fruchtbare Begegnungen

«Wohnland» bildet die erste Schicht von «Inzwischen», einem «Experiment mit Wechselwirkungen», das ein dreiköpfiges Kuratorinnenteam (Katharina Dunst, Annamira Jochim, Monika Kästli) im Kaskadenkondensator präsentiert. In einem Zeitraum von fünf Wochen werden hier nacheinander vier kunstschaffende Parteien ihre aufeinander bezogenen Arbeiten entwickeln. Auf ganzblum folgen im Wochenrhythmus Geneviève Morin, Hina Strüver und Copa & Sordes. Die Spielregeln sehen vor, dass die vorgefundenen Arbeiten nicht entfernt, jedoch verändert werden dürfen; in der letzten Woche reagieren alle Beteiligten nochmals auf das Resultat. Begleitend intervenieren weitere KünstlerInnen auf das Geschehen: Corina Bezzola, Irene Maag und Michael Stauffer. Wer im Sommer 1996 «Filiale Erben» besucht hat, wird sich an den dortigen «Akkumulator» erinnert fühlen, wo ebenfalls der Angriff auf den Werkbegriff geprobt wurde. Ob die Begegnungen hier so fruchtbar werden wie zeitweise im «Akkumulator», wird sich weisen – die Auswahl der Künstlerpositionen wirft diesbezüglich Fragen auf. Ob und wie Malerei (Morin) und Performance (Strüver) auf die Installation von ganzblum einzuwirken vermögen oder ob es bei einem Ausschmücken bleibt, lässt sich an den folgenden Wochenenden überprüfen.

Sibylle Ryser

 

Kulturjournalismus