Natur als Konstrukt

Regioartline, Online-Kunstmagazin für die Region Basel, 19.04.04
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Dani Jakob im Kunsthaus Baselland und in der Filiale Basel

«Landschaft ist eine Art Sprache», postulierte der kürzlich verstorbene Soziologe Lucius Burckhardt. Eine Sprache allerdings, für die es kein Lexikon gibt. Ob Berge Furcht erregen oder als erhaben empfunden werden, ist eine Frage der gesellschaftlichen Wahrnehmung. So erfährt «Landschaft als wahrgenommene Natur» (Burckhardt) unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen, die zeitlichen und kulturellen Veränderungen unterliegen.

Die deutsche Künstlerin Dani Jakob (*1973 in Freiburg i. Br., lebt in Berlin) präsentiert im Kunsthaus Baselland Landschaft als Insel, die sich um zwei Raumpfeiler im Untergeschoss ausbreitet. Eine karge, fremde Welt in Weiss und zurückhaltenden Brauntönen. Berge aus losem Gipspulver erheben sich aus einer Ebene aus demselben Material, hin gegossen und eingetrocknet. In groben Klumpen stecken Zweige und markieren die Vegetation. Der Norden der Insel wirkt vulkanisch, hier sind die Berge aus Sand, die Krater mit schwarzer und brauner Farbe übersprayt. Gummihandschuhe, Fingerspuren und Handabdrücke erinnern an die Entstehung dieser Welt. Mitten in der Insel lehnen zwei Spiegel an einem Pfeiler.

Welche Sprache spricht nun also diese Landschaft, in welchem Zeichensystem bewegt sie sich? Zeugt sie von Melancholie? Vor einem der Spiegel steht ein erloschener Kerzenstumpf: beides Memento-Mori-Symbole, vertraut aus niederländischen Stillleben ebenso wie die erotische Metapher einiger verstreuter Austerschalen. Verkörpert die Insel die Vision einer Endzeitstimmung? Natur wird in der Postmoderne primär als bedroht wahrgenommen, was sich in entsprechenden Bildern von Landschaft niederschlägt. Trotz dieser nahe liegenden, eher düsteren Assoziationen stellt sich bei der Betrachterin kein Gefühl von Trostlosigkeit oder Verlassenheit ein. Denn zugleich erzeugt die Insel eine unbeschwerte Stimmung. Eine Skizze, mit leichter Hand angelegt. Natur als physische und als mentale Konstruktion wird angedeutet mit den Grundelementen von «Landschaft»: Bergen, Tälern, Vegetation.
 

Landschaft als Baustelle

Emotional ambivalent ist auch die zweite Installation, eine Art Baustelle, bei der unklar bleibt, ob sie sich im Aufbau oder im Abbruch befindet. Einige Bretter liegen quer über zwei Dachlatten, auf dieser Minimalkonstruktion liegen verschmutzte Tücher. Darauf, mit dem Gesicht zur Wand, sitzt ein Geier. Sein Körperbau ist derart naturalistisch, dass man unter dem mit grauen Schnipseln verklebten Federkleid den echten Vogel vermutet, als wäre er von einer Pappmaché-Pest verseucht. Auch ein Wolf streicht um die Insel, wie eben einem Pappmaché-Fluss entstiegen. Die zwei Gefährten wirken ebenso ambivalent wie die Landschaft – sind sie bedauernswerte Opfer oder mächtige Totemtiere? Nein, es gibt kein Lexikon für die Sprache der Landschaft, also der Bilder – zwingende Folge der Tatsache, dass das Zeichensystem der Bilder, im Unterschied zu Sprache, stets bedeutungsoffen bleibt. Das Motiv der Baustelle und der Landschaft beziehen sich aufeinander, kreisen um das Thema Natur und Konstrukt, präziser: Natur als Konstrukt. Diese Landschaft spricht von ihrer eigenen Konstruiertheit und offenbart in dieser Reflexivität ihren genuin postmodernen Charakter.

Die subtilste Geste Dani Jakobs füllt den Nebenraum: Er scheint leer – nach einer Weile entdeckt man an den Deckenträgern Schwalbennester, ganze Kolonien. Sie sind verlassen, einige verfallen, am Boden finden sich noch Spuren von Vogelkot. So überzeugend sind die Artefakte aus Pappmaché und Farbe, dass man zunächst den entflogenen Schwalben nachsinnt, bevor man realisiert, dass auch diese Natur eine künstlerische ist.

Sibylle Ryser

 

Kulturjournalismus