Vom Nutzen der Historie für die Zukunft

ProgrammZeitung 05/2011, Kulturjournal für die Region Basel
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Eine grosse Ausstellung beleuchtet Basel im 20. Jahrhundert.

«Das ist Geschichte», sagen wir und meinen: Das ist vergangen und vorbei. Und liegen damit ziemlich falsch. Denn Geschichte handelt wohl von Vergangenheit, bleibt aber ein lebendiger Prozess: ‹Geschichte› ist das Verständnis, das wir in der Gegenwart für die Vergangenheit entwickeln.

Die Ausstellung ‹Hier und Dort. Basel im 20. Jahrhundert› richtet einen aktuellen Blick darauf, wie sich die Stadt im letzten Jahrhundert verändert hat. Das Rückgrat der Schau bildet eine Zeitachse, die von 1901 bis 1999 jedes Jahr mit rund zehn Ereignissen dokumentiert und Entwicklungslinien sichtbar macht. Entlang dieser Chronologie werden sieben thematische Stationen inszeniert, die jeweils ein Konfliktfeld vertiefen. Dass es die Konflikte sind, die historische Entwicklungen vorantreiben, führt uns das Zeitgeschehen gegenwärtig exemplarisch vor Augen. Das gilt freilich auch für weniger dramatische Umstände: Veränderungen sind oft Folge von Auseinandersetzungen, Resultat der Verhandlung gegensätzlicher Positionen.

In den geistreich inszenierten thematischen Brennpunkten (Szenografie: Space4, Stuttgart) werden Konfliktfelder sichtbar gemacht, die das ganze Jahrhundert über entzündlich bleiben. Anhand von Fallgeschichten wird nachgezeichnet, wie und wo beispielsweise der grundsätzliche Konflikt zwischen Moral und Regelverstoss zeitspezifisch aufbricht: in der Bespitzelung und Schikanierung Homosexueller in den 30er-Jahren, in der Zensur eines erotisch freizügigen Avantgardefilms in den 50ern oder im Anwohnerprotest gegen ein Bordell im Wohnquartier in den 80ern. Eine andere, immer wieder neu geführte Auseinandersetzung ist etwa jene zwischen Stadt und Grenzen. Sie wird erfahrbar in den Geschichten über den internationalen Tramverkehr, über den deutschen Bahnhof auf Basler Boden oder die Abstimmung zur Wiedervereinigung der beiden Halbkantone.
 

Unabhängiges Kooperationsprojekt

Die Schau beim Bahnhof St. Johann wurde initiiert, konzipiert und realisiert von der Basler Medienproduktionsfirma Teamstratenwerth, die mit Ausstellungen und Dokumentarfilmen auf sich aufmerksam gemacht hat (u.a. Landesmuseum Zürich, WeltWissen Berlin, Dokfilm ‹Bartoks Quinten›). Solch unabhängig kuratierte Ausstellungen kennt man in der Schweiz wohl im Kunst- und Theaterbereich (Littmanns Kulturprojekte, Culturescapes), kulturhistorische Sonderausstellungen hingegen erwartet man hierzulande von den Museen. Deren Spielraum ist jedoch klar begrenzt: Sie haben im subventionierten Budgetrahmen eine Sammlung zu bewahren und ein Haus unter sich wandelnden Bedingungen zu positionieren. Hinzu kommt die finanzielle ‹Gewaltentrennung› zwischen Subventionen für Betriebe einerseits und Lotteriefondsgeldern für Projekte anderseits, was privaten Initiativen gegenüber institutionellen Kulturanbietern in punkto Sonderausstellungen einen Vorteil verschafft.

Auch ‹Hier & Dort› wird massgeblich durch die Lotteriefonds BS und BL mitfinanziert, beteiligt sind zudem GGG und Ernst-Göhner-Stiftung. Für die Ausstellung arbeitet Teamstratenwerth mit den hiesigen Museen zusammen, auf der langen Leihgeberliste finden sich das Historische Museum Basel, Museum.BL, Staatsarchiv Basel-Stadt, aber auch Private und eine Reihe kleinerer Lokal- und Spezialmuseen.
 

Ein Modell für die Zukunft?

Man kann diese Konstellation als Konkurrenzsituation deuten. Man kann dem Privatunternehmen mit Skepsis begegnen und auf der akademischen Deutungshoheit in Sachen Historizität der Historie bestehen. Man kann das Projekt aber auch als barrierefreie und lustvolle Geschichtsvermittlung wahrnehmen, gar als Integrations- und Identifikationsangebot für eine Stadt, die zwischen Lokalpatriotismus und Minderwertigkeitskomplex ihr Profil sucht. Man könnte sogar auf die Idee kommen, dass diese Initiative ein Zukunftsmodell darstellt. Man könnte mit dem Stapi nach Berlin reisen und sich das Modell Martin-Gropius-Bau erklären lassen: ein Haus mit einer Basisinfrastruktur für grosse Sonderausstellungen, aber ohne thematische Klammer. Kein Haus der Geschichte, aber ein Haus auch für historische Sonderausstellungen, bespielt durch Kooperationen von Institutionen und Privaten. Man könnte die Leuchtturmwärter an eine Surfschule vermitteln. Und man kann sich ganz einfach auf die Ausstellung freuen.

Sibylle Ryser

 

Kulturjournalismus