Neuer Blick auf Gestern

‹Flashback› auf die Kunst der Achtzigerjahre

ProgrammZeitung 11/2005, Kulturjournal für die Region Basel
www.programmzeitung.ch

Das Museum für Gegenwartskunst wird 25 und thematisiert in renovierten Räumen Geschichte als Produkt der Gegenwart.

Geschichte gilt gemeinhin als das Vergangene, das Abgeschlossene. Ein solches Alltagsverständnis verpasst jedoch Wesentliches: denn Geschichte ist ein Prozess, ist die sich stetig wandelnde Interpretation der Vergangenheit aus der Sicht der Gegenwart. Dies trifft auf die Kunstgeschichte in ganz besonderer Weise zu, denn ihr Gegenstand – die Kunst – konstituiert sich ebenso sehr durch Interpretation wie durch Faktisches, und dies beileibe nicht erst im Nachhinein. ‹Kunst› bezeichnet ein Werk, aber zugleich auch ein System – der Vermittlung, Präsentation, Legitimation, Interpretation –, das dem Werk erst seinen Stellenwert als ‹Kunst› zuweist.

Eine Revision der Kunst der Achtzigerjahre blickt also zurück auf zweierlei: auf die Kunst jenes Jahrzehnts ebenso wie auf die Interpretation dieser Dekade. Im Kunstdiskurs werden die 80er meist identifiziert mit Malerei, genauer: mit den neoexpressionistischen Gesten der Neuen Wilden aus Deutschland und der Transavanguardia aus Italien, die einen Gegenentwurf zu Minimalismus und Konzeptkunst postulierten. Das Modell von gegensätzlichen, sich überholenden ‹-ismen› zur Fortschreibung der Kunstgeschichte etablierte sich spätestens in den Sechzigerjahren – die Pop Art als Gegenposition zum abstrakten Expressionismus, die Minimal Art als Überwindung der Pop Art und so fort. In dieser Tradition steht eine Rezeption der 80er, die das Jahrzehnt der neofigurativen Malerei zuordnet, welche dann in den 90ern durch – vermehrt installative – Konzeptkunst erneut abgelöst wurde.
 

Revidierte Entwicklungen

Diese Wahrnehmung der Kunst der Achtzigerjahre ist für Philipp Kaiser, Kurator des Museums für Gegenwartskunst, einseitig und damit defizitär. Er hat eine Schau zusammengestellt, die darlegen will, dass die Konzeptkunst in den 80ern nicht einfach ausgesetzt hatte, sondern umformuliert wurde – eine Entwicklung, in der die Malerei der Neuen Wilden eher als Marginalie figuriert. Aktionistische Künstlergruppen setzten sich mit sozialpolitischen Themen (Aids, Armut, Obdachlosigkeit) auseinander; die Appropriation Art arbeitete mit den inflationären Bildern der Massenmedien. Weitere Themen wie Ironie, Theatralität, Zeichenhaftigkeit, Simulation, die alle auch in der heutigen Kunst aktuell sind, tauchten bereits damals auf. Philipp Kaiser will denn die 80er auch keineswegs abschliessend historisieren, die willkürliche kalendarische Dekadensetzung vielmehr in Frage stellen zugunsten einer Wahrnehmung von Entwicklungen.

Das Museum für Gegenwartskunst – soeben mit Mitteln der CMS und des Kantons Basel-Stadt total saniert – ist selbst ein Kind der Achtzigerjahre, der Blick zurück impliziert auch jenen auf die Institutionsgeschichte. Das 25-Jahr-Jubiläum bildet jedoch höchstens einen willkommenen Aufhänger für die Schau und ist zudem Anlass für eine fulminante Eröffnungsparty. Die hauseigene Sammlung bildet aber nicht den Ausgangspunkt für Kaisers Befragung der jüngeren Kunstentwicklung, die Ausstellung ist zu 70 Prozent mit Leihgaben bestückt, die Künstlerliste nennt über 40 Namen.
 

Relevante Positionen

Nebst dieser grossen Auslegeordnung, die das ganze Haus bespielt, enthält das Rahmenprogramm eine Reihe von Veranstaltungen. Namhafte international tätige Kuratoren, Theoretikerinnen und Kunstschaffende werden das Thema von verschiedenen Seiten her angehen – die Rezeption der 80er ist nicht zuletzt von transatlantischen Differenzen geprägt. Aber auch die Lokalperspektive soll nicht zu kurz kommen, diesbezüglich dürfte das Gespräch zwischen Philipp Kaiser und Jean-Christophe Ammann weitere Einsichten bieten.

‹Flashback› soll keine rein dokumentarische Schau werden, die sich jeglicher Wertung enthält, sondern im Gegenteil auf solche künstlerischen Positionen der 80er fokussieren, die dort ihre Wurzeln haben und noch heute relevant sind – die Neuen Wilden gehören nicht dazu. Der Titel des ambitionierten Projektes fasst diese doppelte Perspektive: Die ‹Rückblende› geht den Einflüssen der Vergangenheit auf die Gegenwart nach, zugleich formuliert sie einen Standpunkt im Heute, von dem aus sich ein veränderter Blick auf das Gestern werfen lässt. In dieser dialektischen Auseinandersetzung könnte Geschichte tatsächlich als Prozess erlebbar werden – und vielleicht gelingt solches dem jungen Kurator umso besser, als sein Blick nicht durch vermeintliche Sicherheiten und Sentimentalitäten der eigenen Erinnerung verstellt ist.

Sibylle Ryser

 

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