Kunstprojekt: Nussbaum-Tribunal

Der Künstler Guido Nussbaum amtet als Gerichtspräsident beim «Nussbaum-Tribunal», wo Kunst im öffentlichen Raum Basels wie im Gerichtssaal verhandelt wird: mit Klage und Verteidigung, Zeugen, Verhör und Geschworenen. Pro Tribunal gelangen drei Kunstwerke zur Verhandlung, die Jury verurteilt entweder als «Schandfleck» oder erteilt Freispruch.
Das Nussbaum-Tribunal ist ein freies Kunstprojekt, das die Diskussion über Kunst im öffentlichen Raum beleben soll, es wurde vom Kunstkredit Basel-Stadt gefördert.
Auf Anfrage von Guido Nussbaum erhob ich Anklage gegen ein Werk von Rémy Zaugg vor dem Staatsarchiv Basel-Stadt. Die Geschworenen folgten der Anklage und verurteilten das Werk als Schandfleck.

Anklagerede von Sibylle Ryser gegen das Werk von Rémy Zaugg vor dem Staatsarchiv Basel-Stadt, 16. 12. 2006.

Sehr geehrter Herr Gerichtspräsident, sehr geehrte Anwesende

Eine Klage gegen das Werk eines Künstlers, der bereits zu Lebzeiten geradezu heilig gesprochen wurde, kommt – logischerweise – einer Ketzerei gleich. Insbesondere dank der Zusammenarbeit mit gekrönten Häuptern der Architektur wurde Zaugg zum inoffiziellen Staatskünstler gekürt, dessen Werk sich vorzugsweise in entsprechenden Kontexten findet: in der Bundesverwaltung, am heimlichen Nationalmuseum, und nun also auch – wenig überraschend – vor einem kantonalen Staatsarchiv.

Ich komme zum ersten (von zwei) Anklagepunkten. Zusammengefasst lautet er:

Zauggs Werk verbindet Marketingmethoden mit einem sektenhaften Habitus. Daraus entsteht eine zutiefst rhetorische Kunst.

Lassen Sie mich dies etwas ausführen.

Wer über Zauggs Werk spricht, meine Damen und Herren, bewegt sich definitiv in einer humorfreien Zone. Dies ist kein Zufall, sondern Teil der Rezeptionsregeln für das Werk eines Künstlers, das vor allem metaphorischen Nebel produziert. Im vorliegenden Fall sind es Begriffsreihen, die einen diffusen Essenzialismus beschwören. Die Milchstrasse paart sich mit dem Vergissmeinnicht, Hund, Hügel, Gehirn und Giebel gesellen sich dazu, und unablässig spricht der Schöpferkünstler: «es werde, es werde».

Wer sich von diesem mythologisierenden Geraune angesprochen fühlt, kann sich dem Kreis der Eingeweihten zugehörig rechnen. Wem jedoch das Tiefschürfende von Zauggs Vokabelplatten entgeht, bleibt davon ausgeschlossen; und hat – nach den Regeln der sozialen und kulturellen Distinktion –die Schuld an diesem Rezeptionsversagen bei sich selbst zu suchen.

Das zur Debatte stehende Werk kennen Sie vielleicht nicht. Aber wenn Sie je einen Zaugg gesehen haben, so erleben Sie hier ohnehin ein Déjà Vu. Denn Zaugg arbeitet mit Methoden des Corporate Design, das auf Wiedererkennbarkeit und Kundenbindung zielt. Für seine Merksätze bedient er sich einer Hausschrift – es ist Adrian Frutigers Univers, eine Ikone des Schweizer Schriftdesigns. Dabei verwendet Zaugg – und das ist symptomatisch – nicht nur den fettesten Schnitt der Univers, sondern auch stets nur Versalien.

Die Versalien, meine Damen und Herren, die Grossbuchstaben, erinnern uns unweigerlich an jene römischen Inschriften, von denen sie abstammen. Wer so schreibt, meisselt in Stein und zielt auf Ewigkeit. Diese Botschaft von Zauggs Werk ist zentral, und sie wird sofort verstanden.

Fazit:
Zauggs Weisheiten kleiden sich in das Gewand eines Gurus.

Mit Versatzstücken aus dem Marketing produziert Zaugg eine zutiefst rhetorische Kunst. Eine Rhetorik, in der sich Arroganz und Pathos aufs Unerfreulichste paaren.

 

Damit komme ich zum zweiten Anklagepunkt. Zusammengefasst lautet er:

Zauggs Werk verstärkt die symbolpolitischen Absichten des historistischen Verwaltungsgebäudes.

Das Ziel, einen «Zugang zum Staatsarchiv» zu bieten, wird verfehlt. Lassen Sie mich auch dies kurz ausführen.

Dazu muss man wissen, meine Damen und Herren, dass das Staatsarchiv kurz vor der vorletzten Jahrhundertwende als das errichtet wurde, was es heute immer noch ist. Die äussere Erscheinungsform des Repräsentationsbaus verfolgt dabei ganz bestimmte rhetorische Absichten.

Das suggestive Pasticcio aus architektonischen Stilzitaten vermittelt vor allem Eines: Mit autoritärer Geste werden Unbefugte ausgeschlossen. Die Architektur signalisiert: Dies ist ein Ort der sozialen Distinktion, ein Ort der Exklusion. Mit den Worten von Pierre Bourdieu: «Diese Gebäude verraten schon in den geringsten Details ihrer Morphologie und Organisation ihre wahre Funktion, die darin besteht, bei den einen das Gefühl der Zugehörigkeit, und bei den anderen das Gefühl der Ausgeschlossenheit zu verstärken.»

«Ein Zugang zum Staatsarchiv im Werden», so heisst Zauggs Werk. Die schwülstige Formulierung verspricht ja immerhin etwas Prozesshaftes. Leider jedoch trifft gerade das Gegenteil zu: es lässt sich kaum etwas Statischeres denken als diese eigenartig schlecht verlegten Betonplatten.

Nicht einen Zugang bietet Zauggs Werk. Seine Platten liegen vielmehr wie eine Barriere vor dem Eingang zum Staatsarchiv. Auf dem Weg dahin gilt es nun, zwischen Gittertor und Treppenstufen noch ein weiteres Hindernis zu überwinden: nämlich diesen Catwalk der pathetischen Platitüden.

Fazit:

Zauggs Steg stellt sich ganz in den Dienst der Einschüchterungsrhetorik des Repräsentationsbaus. Damit allerdings wird er zu einem Pleonasmus: denn auch Zauggs Werk bezieht seine Bedeutung ausschliesslich aus Distinktionsgesten.

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

 

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