Periphere Welten

Rosinen picken an der Regionale

Regioartline, Online-Kunstmagazin für die Region Basel, 29.11.04
www.artline.org

Die schönsten Fundstücke finden sich an den Rändern der Regionale

Seit fünf Jahren ist die Regionale ein dezentralisiertes Ereignis. Vielleicht gehören Sie zu denjenigen, die das beklagen? Das Verhältnis von Zentrum zu Peripherie zum Beispiel ist ja nicht ganz konfliktfrei. Gerade die Peripherie lohnt an der Regionale aber das Entdecken. Am besten packen Sie an einem Wochenende ein, zwei Freunde in ein Auto und beginnen Ihre Reise in der FABRIKculture Hégenheim hinter dem wunderbar gottverlassenen Bachgraben-Zoll im französischen Niemandsland.
 

Refugium für Fluchtgedanken

Treten Sie ein in die Produktionshalle der ehemaligen Garnspinnerei, in der die Heizung nur punktuell etwas Wärme erzeugt. Diesem weiten Raum setzt Lena Eriksson (*1971) ihre improvisierte Welt entgegen: Ein Hochbett wie aus Kindertagen, geschmückt mit selbstgebauten, farbig leuchtenden Lampen bietet ihren Arbeiten ebenso wie ihrem Publikum Geborgenheit. Treten Sie also erneut ein, setzen Sie sich an den niederen Tisch im Geviert der Bettstangen. Vor Ihnen liegt ein Block Papier, ein Diaprojektor projiziert in raschem Rhythmus wechselnde Zeichnungen auf das weisse Feld. “Die Welt erobern, einfach und schnell” steht da etwa in einer Sprechblase neben einer Frau, die mittels Gymnastik zu einer neuen Sicht der Welt gelangt. Mit ihren Zeichnungen visualisiert Lena Eriksson Gedanken und präsentiert sie denn auch als flüchtige Erscheinung.


Besteigen Sie nun das Bett, obwohl es bedenklich schwankt. Es ist so stabil und so flexibel wie ein Baumhaus – und vom Bau eines solchen erzählt Ihnen auch das Video, das Sie da oben betrachten können. Es beginnt mit einem Abschiedsbrief. Die Künstlerin, bekleidet mit Tierfellen, macht sich auf allen Vieren durch eine Abflughalle davon. “Wenn Ihr dies lest, werde ich schon weg sein”, schreibt sie. Nein, kein suizidaler Pathos, sondern eine romantische Flucht in die Wälder, in ein imaginiertes Selbstversorgerglück. Vorerst jedoch probt sie den Bau eines Baumhauses – in einem Bonsai. Lena Eriksson schildert den phantasierten Ausbruch anrührend und humorvoll. Das «Künstlerleben» selbst bildet ja vielen eine utopische Projektionsfläche – für die Kunstschaffenden jedoch ist es Alltag und hat, wie jeder Alltag, seine Nachtseite.
 

Mangas, Kitsch und Märchen

Machen Sie als nächstes eine kleine Fahrt durchs Elsass und reisen Sie zum Beispiel via Leymen wieder in die Schweiz ein. In Reinach zeigt die kleine, aber feine Galerie Werkstatt Reinach fünf Positionen. Darunter eine Wandarbeit von Indra Schelble (*1977) mit dem Titel «Alienvacation». Ein Ufo ist mitten in einem Seerosenteich gelandet und hat sich da offenbar für einen Badeurlaub installiert. Die schwimmenden Wesen, irgendwie weiblich und irgendwie ausserirdisch, tummeln sich zwischen direkt auf die Wand gemalten Seerosenblättern und Zeichnungen auf Papier. Letztere entstammen dem Fundus der Comics-, Manga- und Fantasy-Motive – Bambi, Totenkopf, Schäfchen, Drachen, eine Dschunke und Explosionen. Die Künstlerin verquirlt allerlei Bildzeichen der Populärkultur und serviert sie als irritierenden Cocktail. Der schmeckt zuckersüss, wird Ihnen aber in der Kehle brennen. Die Mischung ist freilich nicht ganz neu und sehr im Trend, was Ihnen als kunstimprägniertem Zeitgenossen vielleicht einen kleinen Rülpser entlockt. Wer genau hinschaut: Es klebt nicht alles an der motivischen Oberfläche. Die Kugelschreiberzeichnungen etwa entpuppen sich als mit Durchschlagpapier übertragene Kopien und ihr Träger als feinstes handgeschöpftes Büttenpapier – die Diskussionen um Original und Kopie, um hehre Werte und Trashkultur geraten ins Strudeln. Zugestanden: Die freie Verfügbarkeit der Zeichen und der Verlust sicherer Werten ist ein zentrales Merkmal der Gegenwart und so legitimes Thema für Kunstschaffende. Die Wiederkehr des «einfach Schönen» in der Kunst bietet durchaus Zündstoff – oder fühlten Sie sich nicht ein kleines bisschen provoziert?


Die Autobahn führt über Muttenz zurück in die Stadt. Sollte der Tag schon langsam eindunkeln, umso besser. Dann verwandelt sich nämlich die Fassade des Kunsthauses Baselland in einen leuchtenden Dschungel. Ursula Palla (*1961) projiziert hier Videosequenzen: das grünblaue Pflanzengewirr wirkt wie eine Unterwasserwelt und webt den Schatten eines realen Baumes gleich mit ein. Das Kunsthaus lohnt den Abstecher, so konzis präsentiert sich keine der anderen Schauen.

Plötzlicher Verlust an Übersicht

Die letzte Station auf der Reise entlang geografischer und Geschmacks-Peripherien sollte Sie in den Ausstellungsraum Klingental führen. Hier zeigt Wilma Benz (*1970) ein grosses Wandbild. Als Arbeitsuntergrund dient ihr eine Collage aus Altpapier, Plakaten, Tüten und eigenen Zeichnungen. Die Künstlerin vereint unterschiedlichste Bruchstücke des Alltags zu einem Tableau. Es lässt den Blick unruhig werden und erzeugt und einen plötzlichen Verlust an Übersicht. Die teilweise erkennbaren, teilweise übermalten oder überzeichneten Bilder und Buchstaben bilden Cluster. Es lassen sich einzelne Erzählstränge verfolgen, aber bald verknoten sie sich oder laufen ins Leere, mutieren zu abstrakten Farbfeldern. Eine kräftige, gestische Bleistiftschraffur umfliesst die verschiedenen Elemente, strukturiert das Format, schafft Tiefe. Der tschechische Titel «Ufologicky utyar» verdankt sich einer Reise der Künstlerin, er zierte dort als witzige Privatnotiz ein Ölkännchen, welches nun kopfüber wie ein Raumschiff durch das Bild stürzt.

Als “Bückware” bezeichnete Kurt Schwitters die Drucksachenfetzen, die er in seinen Bildern verwendete. Der Bückling galt und gilt den Schönheiten und Überraschungen des Alltags, den Geschenken des Zufalls. Aus ihnen lassen sich neue Welten konstruieren: zu einem Bildteppich verdichtet von Wilma Benz, in ein offenes Assoziationsfeld gebracht von Indra Schelble, zum Refugium für Fluchtgedanken zusammengebastelt von Lena Eriksson. Die Bricolage als schöpferisches Prinzip erweist sich als überaus lebendig.


Sibylle Ryser

 

Kulturjournalismus