Ausstellung: Regionale 9

Ausstellungsraum Klingental in der Kunsthalle Basel
29. November 2008–04. Januar 2009

Die «Regionale» ist die Nachfolgerin der früheren Weihnachtsausstellungen. Sie findet in Basel und im trinationalen Umland in gut einem Dutzend Häusern jeweils zum Jahresende statt und zeigt regionales Kunstschaffen. Für die Ausgabe 9 hat der Ausstellungsraum Klingental ein spezielles Projekt realisiert: Für einmal all jene zahlreichen Positionen zu zeigen, die von keiner der Jurys ausgewählt wurden. Um das Projekt konzeptuell noch stärker auf den Punkt zu bringen, tauschten wir die Ausstellungsräume mit der Kunsthalle Basel: so wurden die Letzten zu den Ersten, die Ausjurierten im wichtigsten Haus der Regionale gezeigt.

Ich war an Konzeption und Durchführung des Projekts massgeblich beteiligt und hielt auch die Eröffnungsrede. Die Ausstellung wurde vom Bundesamt für Kultur für den Swiss Exhibition Award nominiert.

Foto: Stefan Meier, © Kunsthalle Basel, 2008

Eröffnungsrede von Sibylle Ryser an der Regionale 9 in der Kunsthalle Basel.

Liebe Gäste, liebe Künstlerinnen und Künstler, verehrtes Publikum!

Herzlich willkommen zur letzten Eröffnung des Tages hier in der Kunsthalle Basel. In diesem Jahr geniesst hier der Ausstellungsraum Klingental Gastrecht. Und im Namen des Ausstellungsraum Klingental begrüsse ich Sie herzlich zu unserem Beitrag zur Regionale 9.
Für die Teilnahme an der Regionale bewerben sich jedes Jahr gegen siebenhundert Künstlerinnen und Künstler. Aus diesen Eingaben wählen die Jurys der teilnehmenden Häuser jene Positionen aus, mit denen sie ihre Ausstellungen einrichten wollen. Das bedeutet natürlich, dass dem Publikum für gewöhnlich nur die Spitze des Eisbergs präsentiert wird.

Dieses Jahr jedoch kriegen Sie für einmal den GANZEN Eisberg zu sehen!

Wenn Sie nämlich alle Eröffnungen besucht haben, so haben Sie nach dem Rundgang durch unsere Ausstellung alle Positionen gesehen, die sich um eine Teilnahme beworben haben – die wenigen Ausnahmen liegen unter 5%.

Foto: Stefan Meier, © Kunsthalle Basel, 2008

Für einmal ALLES sehen, was eingereicht wird: Genau das hat uns brennend interessiert.

Was passiert in einer Ausstellung, in der die Eingaben nicht durch die Fachleute vorsortiert werden? Wo also das Unbeholfene neben dem Professionellen hängt, das Unausgereifte neben dem Reflektierten? Werden da augenblicklich qualitative Unterschiede sichtbar?
Oder entstehen vielleicht Unsicherheiten, wenn die professionellen Sehanweisungen fehlen? Wie ist es, wenn man bei der Lektüre einer Ausstellung ganz auf sich selbst gestellt ist? Was passiert, wenn die Werke – aus Platzgründen – sehr dicht gehängt und gestellt werden müssen? Wenn sie sich also ganz anders präsentieren als in der heutigen Ausstellungspraxis üblich, wo mit grossem Sicherheitsabstand gearbeitet wird? Ist es denn wirklich so, wie manche befürchten, dass gute Arbeiten in der schieren Masse nicht mehr zur Geltung kommen? Oder lässt sich vielleicht beobachten, dass die guten Werke den weniger guten helfen, zu bestehen? Vielleicht kommen ja sogar die etablierten Wertsysteme ins Wanken, wenn Amateure und Profis sich auf engstem Raum begegnen? Und könnte es sogar sein, dass das Ganze mehr wird als die Summe seiner Teile?

Unser Projekt wirft aber noch eine ganze Reihe weitere Fragen auf, die über die konkrete Ausstellungssituation hinausgehen.
Zum Beispiel: Was bedeutet es für die Künstlerinnen und Künstler, die durch unser Projekt zunächst einmal in ein Dilemma geraten? Zum einen wird ihnen die erhoffte Teilnahme an einer Ausstellung geboten. Zugleich jedoch findet die Schau in einem Rahmen statt, der vielleicht etwas nach Restposten riecht…
Wie gehen sie mit der Zurückweisung durch die Jurys um? Haben sie den Mut und den Humor, an einem Experiment teilzunehmen, dessen Ausgang sich nicht mit Sicherheit voraussehen lässt? Können Sie die Gunst der Stunde nutzen und als lachende Letzte ins erste Haus am Platz einziehen?
An dieser Stelle sei unser erster Dank ausgesprochen: er geht an alle Künstlerinnen und Künstler, die uns ihr Vertrauen geschenkt haben und sich auf dieses Spiel mit den vertauschten Häusern und den vielfach vertauschten Rollen eingelassen haben.

Eine weitere Reihe von Fragen kreist um das Thema der Regionalität. Welche Region wird denn eigentlich abgebildet in der Regionale? Wieviele Nichtschweizer werden in Basel gezeigt? Ist das Gefälle zwischen Stadt und Land grösser als jenes zwischen den Nationen? Weshalb liegt Karlsruhe näher bei Basel als Zürich? Macht eine geografische Einteilung in der Kunst überhaupt Sinn?
Die Regionale ist einer von vielen Versuchen, die trinationale Region aus einer Wunschvorstellung in die Wirklichkeit zu überführen. Dafür gebührt unseren Kolleginnen und Kollegen der teilnehmenden Häuser Dank. Und ganz besonders möchten wir uns bei ihnen auch bedanken für ihre Bereitschaft, sich mit unserem Experiment auseinanderzusetzen.

Foto: Stefan Meier, © Kunsthalle Basel, 2008

Alles sehen zu wollen, heisst: alles zeigen zu müssen.

Schnell war klar, dass uns im Ausstellungsraum Klingental für dieses leicht grössenwahnsinnige Projekt niemals genügend Platz zur Verfügung stand. Wir wollten aber nicht einfach irgendwo ein Archiv der Übriggebliebenen einrichten. Unser Ehrgeiz war es vielmehr, mit all den vielen Eingaben eine attraktive Ausstellung zu machen.
Hier geht unser grosser und herzlicher Dank an die Kunsthalle Basel. Die Kunsthalle liess sich für unsere waghalsige Idee begeistern und hat sie mitgetragen. Sie hat mit uns die Räume getauscht und nicht zuletzt ist sie uns bei der Realisierung mit Rat und Tat zur Seite gestanden.

Foto: Stefan Meier, © Kunsthalle Basel, 2008

Alles zeigen also, aber wie?

Unser Konzept sah vor, die Eingaben so zu zeigen, wie sie gemeint waren, wir wollten keine nachträgliche Doch-noch-Jurierung vornehmen. Bei der Sichtung der über 400 Dossiers stellte sich jedoch heraus, dass selbst in der Kunsthalle nicht genug Platz sein würde, um alle Werke in der vorgeschlagenen Form auszustellen. Vielen Künstlerinnen und Künstlern mussten wir deshalb eine Reduktion ihrer Eingabe vorschlagen. Der E-Mail-Kontakt mit 400 Leuten hat unsere Kommunikationskompetenz zuweilen etwas überfordert…
In einem vierköpfigen Konzeptteam haben wir anhand der Dossiers ein Raumprogramm entwickelt, das die Werke nach inhaltlichen und formalen Bezügen gruppiert und sich auch um eine Choreografie der Räume bemüht. Und natürlich mussten wir dabei auch immer den verfügbaren Platz im Auge behalten. Etliche Videoarbeiten haben wir in einem Videoprogramm zusammengefasst, und Performances werden in einem Happening gezeigt. Nur ganz wenige Projekte konnten wir gar nicht realisieren, weil sie zu gross oder zu komplex waren. Diese Eingaben werden hier im Treppenhaus als Projektskizzen präsentiert.
Diese intensive konzeptuelle und organisatorische Vorbereitung hat uns die letzten zwei Monate in Atem gehalten. Nebst dem Konzeptteam wirkten weitere Hände und Köpfe mit, kümmerten sich um Organisation, um Begleitveranstaltungen und Presse, um Pannen und um Unvorhergesehenes.
Letzen Mittwoch wurden die ersten Werke angeliefert, und gestern vor einer Woche haben wir mit dem Aufbau begonnen. Mit über 40 Helferinnen und Helfern, die meisten von ihnen sind selbst Künstler, haben wir die Verwandlung der leeren Kunsthalle in eine reich gefüllte Wunderkammer geschafft.

Die Arbeit aller Beteiligten war ehrenamtlich. Und hierhin geht unser allerherzlichster Dank: Ohne die Hilfe all jener, die uns beim Aufbau geholfen haben, wäre dieses Projekt nur eine Utopie geblieben. Unser Ziel war es, eine Ausstellung einzurichten, die attraktiv und inspirierend ist, eine Ausstellung, die Fragen aufwirft und Debatten auslöst. Wir freuen uns auf Diskussionen und hoffen auf rege Beteiligung an den beiden Veranstaltungen vom 11. und 18. Dezember. Ebenfalls laden wir sie herzlich ein an den Performance-Event an der Finissage am 4. Januar.

Zuletzt bitten wir Sie um Vorsicht beim Besuch und um Nachsicht bei der Beurteilung unserer Ausstellung. Viel Vergnügen!

Foto: Stefan Meier, © Kunsthalle Basel, 2008

 

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