Sieben auf einen Streich

Regierungsrat Eymanns Kunstpoker

ProgrammZeitung 10/2002, Kulturjournal für die Region Basel
www.programmzeitung.ch

Der Basler Regierungsrat setzt sich kulturpolitisch in die Nesseln.
Fragt sich nur, wen das letztlich am meisten schmerzt.

Es war einmal ein Regierungsrat, der ein Kunstwerk verhinderte, das in seinem Departement die Eingangshalle hätte beleben sollen. Damit stiess er die betroffene Künstlerin vor den Kopf, desavouierte eines seiner Fachgremien, stellte die Verbindlichkeit regierungsrätlicher Zusagen in Frage, löste unter den Kulturschaffenden grosse Unruhe aus, warf gewichtige kulturpolitische Fragen auf und erzielte trotz spärlicher Information ein beachtliches Medienecho.

Soweit der Einstieg in eine Geschichte, in der Märchen zwar eine Rolle spielen, die jedoch eine zweifelhafte Moral vermittelt und nicht eben erbaulich ist. Die Basler Zeitung berichtete detailliert über den Hergang (BaZ 29.8.02), die Eckdaten seien hier kurz rekapituliert: Die (von der Regierung berufene) Kunstkommission lädt vier Kunstschaffende zu einem (von der Regierung gutgeheissenen) Wettbewerb für die Gestaltung der Eingangszone im neuen Domizil des Erziehungsdepartements ein. Die Kommission empfiehlt der Regierung den Vorschlag von Sonja Feldmeier zur Ausführung. Was meist als Formsache über die Bühne geht und bisher nur in Einzelfällen aus politischen Gründen verweigert wurde, führte zum Eklat: Auf Empfehlung des Departementsvorstehers lehnte der Gesamtregierungsrat das Projekt ab. In der Begründung zuhanden der Kommission führt Eymann die denkwürdige Argumentation ins Feld, wonach es «besonders heikel [ist], im Eingangsbereich des Departements, das auch für Kultur zuständig ist, ein Kunstwerk zu installieren» – was bei der Wettbewerbsausschreibung anscheinend noch keine Probleme bereitet hatte.
 

Kleine Ursache …

Zeitgenössische Kunst kämpft fast immer um Akzeptanz, im (halb-)öffentlichen Raum spitzen sich diese Probleme verständlicherweise zu. Die Forderung nach grösstmöglicher Mehrheitsfähigkeit hat in der Politik vielleicht ihre Berechtigung, in der Kunst jedoch gerade nicht. Sonja Feldmeier wollte in der Eingangshalle des Erziehungsdepartements zwei Wartezonen einrichten, die an jene Märchenstationen für Kinder erinnern, wie es sie seit den 1970er-Jahren in vielen Geschäften gibt. Über Telefonhörer hätten wartende BesucherInnen hier Grimm-Märchen anhören können. Das Besondere daran: Die Geschichten wären nicht von einer professionellen Märchentante vorgetragen, sondern von Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Herkunft aus der Erinnerung nacherzählt worden. Die wohlbekannten, halb vergessenen Märchen wären dabei durch Ergänzungen, Auslassungen und Neuerfindungen verändert worden.

Das Projekt geht geradezu beispielhaft auf eine Situation ein, in der nicht a priori mit einem Kunstpublikum gerechnet werden kann. Märchen sind Bestandteil einer Alltagskultur, die von sehr vielen, sehr unterschiedlichen Menschen geteilt wird. Die mündlichen Überlieferungen, von den Brüdern Grimm im 19. Jahrhundert aufgezeichnet, wurden seither in über 150 Sprachen übersetzt und verbreiteten sich weit über ihren kulturellen Herkunftsraum hinaus. Die Unzulänglichkeit der spontanen Nacherzählung hätte den Märchen zweifellos auch humorvolle Aspekte beigefügt – und nichts macht Kunst zugänglicher als Humor. Niemand hätte sich von diesem Projekt überfordert oder brüskiert fühlen müssen, obwohl es durchaus auch Stoff für intellektuelle Reflexion geboten hätte – etwa über die Aktualisierung von Moralvorstellungen, das Verhältnis von Hoch- zu Alltagskultur oder den interkulturellen Diskurs. Alles Themen, welche präzis die Kerngeschäfte des Erziehungsdepartements betreffen …
 

… grosse Wirkung

Christoph Eymanns Begründung für die Ablehnung ist schlicht nicht nachvollziehbar – jegliche Ironie kann leider ausgeschlossen werden. Die Argumentation zielt so augenfällig am betroffenen Kunstwerk vorbei, dass sich Vermutungen geradezu aufdrängen. Eymanns Eigenmächtigkeit ist überaus stossend und wirft gravierende Fragen auf: Welche Wirkung hat die Desavouierung der Kunstkommission auf andere Fachgremien? Wer engagiert sich in Zukunft in Kommissionen, wenn sie nur noch Alibifunktion haben? Wie sehen künftige Auswahlverfahren aus? Welchen Stellenwert hat kulturpolitische Professionalität für den Vorsteher des Erziehungsdepartements? Wie versteht er den staatlichen Auftrag zur Kunstförderung und -vermittlung? Und: Wie konnte Eymann seine Miträte überzeugen? Wurde da anders argumentiert oder nicht so genau hingehört? Wie sieht das weitere Vorgehen aus, und was passiert mit dem für Kunst budgetierten Betrag?

Die Protokolle der Regierungsratssitzungen sind nicht öffentlich einsehbar. Grossrätin Gisela Traub (SP) hat um Einsicht nachgesucht und eine Interpellation eingereicht. Die Kunstkommission hat in einem Brief an den Gesamtregierungsrat ebenfalls Stellung bezogen, und Christoph Eymann hat sich zu einem Gespräch bereit erklärt. Es ist zu hoffen, dass Antworten gegeben werden, die zu überzeugen vermögen.

Sibylle Ryser

 

Kulturjournalismus