Die Grenzen der Stadt überwinden

Arbeiten und Wohnen auf dem Dreispitz

ProgrammZeitung 01/2007, Kulturjournal für die Region Basel
www.programmzeitung.ch

Auf dem Dreispitz ist ein Veränderungsprozess im Gang, der Basels Zukunft nachhaltig prägen wird.

Basel gerät derzeit in Bewegung – gleich auf mehreren Schauplätzen wird versucht, das Korsett zu sprengen, das der historischen Arroganz der Stadt geschuldet ist. Auf politischer Ebene scheint die Überbrückung der Birs zwar noch immer aussichtslos, aber andere Akteure sind längst daran, die Politik rechts zu überholen. Zum einen die Wirtschaft, die mit Projekten wie dem Novartis Campus die Entwicklung in Basel Nord vorantreibt oder mit dem trinationalen Konzept ‹Metrobasel› die eigenen Interessen zu ‹Visionen› stilisiert. Zum andern gibt es in Basel eine Institution, die für die Stadtentwicklung von grosser Bedeutung ist: die Christoph Merian Stiftung (CMS).
 

Gewerbegebiet wird Stadtquartier

Das ambitionierteste Projekt der CMS ist die Transformation des Dreispitz von einem geschlossenen Industrieareal zu einem offenen Stadtquartier. 2002 wurde dafür bei Herzog & de Meuron eine städtebauliche Studie in Auftrag gegeben – auch daraus resultierte eine ‹Vision›. Dass es nicht bei Visionen, also Trugbildern, bleiben wird, dafür garantiert in diesem Fall die landesweit einzigartige Situation, dass die CMS alleinige Eigentümerin dieses Areals von 500’000 Quadratmetern ist, das sich über zwei Kantone erstreckt. Das erlaubt es, Schwerpunkte zu setzen, die nicht ausschliesslich der Gewinnmaximierung verpflichtet sind, und zudem ein höchst unföderalistisches Tempo anzuschlagen. Überhaupt scheint der Kantönligeist erfolgreich vom Dreispitz vertrieben worden zu sein: Auf einmal ist es möglich, dass die beiden Halbkantone, statt sich im monetären Dauerstreit zu profilieren, gemeinsam mit der Gemeinde Münchenstein und der CMS Nägel mit Köpfen machen.

Das Projekt ist gigantisch, und der Zeithorizont von 30 Jahren überspannt Generationen. Auf rund der Hälfte des Areals soll die existierende kleinteilige KMU-Struktur weiter bestehen, in anderen Bereichen wird die Arbeitsplatzdichte dagegen stark zunehmen. Neu soll auch Wohnraum geschaffen werden, geplant sind Lofts, für die es in Basel eine Nachfrage, aber kaum ein Angebot gibt. Die Erschliessung des Dreispitz durch Tram und S-Bahn ist angedacht und in Ansätzen schon umgesetzt. Auch wenn das Gesamtprojekt schier unüberblickbar ist, werden doch wichtige Veränderungen schon bald spürbar sein.
 

Vom Zollfreilager zum ‹Campus des Bildes›

Epizentrum des Transformationsprozesses ist das Zollfreilager, ein Teilgebiet des Dreispitz. Nur rund ein Viertel dieses Perimeters dient heute noch dem ursprünglichen Zweck, die restlichen Flächen werden bereits für andere, insbesondere auch kulturelle Zwecke genutzt. Hier finden sich etwa die Fondation Herzog, die Kunstspedition Kraft und die Galerie Groeflin/Maag. CMS-Direktor Christian Felbers Begeisterung für das Projekt wird spürbar, wenn er den ‹Campus des Bildes› schildert, der hier entstehen soll. Um die Entwicklung besser steuern zu können, hat die CMS beim Zollfreilager auch die Gebäude gekauft (der restliche Dreispitz gehört ihr ‹nur› als Land, das sie im Baurecht vergibt). Für dieses Teilgebiet werden bis Ende 2007 ein zweistufiger Architekturwettbewerb abgeschlossen und ein verbindlicher Zonenplan formuliert sein. Ab 2008 wird (um-)gebaut, und bereits 2009 soll die Hochschule für Gestaltung und Kunst (HGK) mit ersten Instituten einziehen und bis voraussichtlich Herbst 2011 an einem Ort vereint sein.

Damit kann deren Direktor Alois Müller endlich die Zusammenführung aller Institute der HGK verwirklichen. Er verspricht sich davon nicht zuletzt die interdisziplinäre Überwindung von Gattungsgrenzen und die Möglichkeit, komplexe Aufgaben in Teams anzugehen. Wie in der Politik gibt es auch in der Bildungslandschaft symbolische Grenzen, die vielen Entwicklungen im Weg stehen, allen voran die künstliche Trennung von Theorie und Praxis. Mit den Fachhochschulen sind hier neue Akteure auf den Plan getreten, skeptisch kommentiert von einem akademischen Traditionalismus. In Basel gibt es allerdings vielversprechende Kooperationen, Müller lobt etwa die Zusammenarbeit mit den Medienwissenschaften der hiesigen Universität.
 

Stadt heisst Veränderung

Die Präsenz von 750 Studierenden wird zweifellos positive Folgen für das ganze Areal haben und andere Angebote, gastronomische und kulturelle, anziehen. Ergänzend zur HGK sollen sich nach den Vorstellungen der CMS auf dem ‹Campus des Bildes› weitere Galerien, aber auch kunstvermittelnde Institutionen ansiedeln – derzeit werden Gespräche mit dem Kunsthaus Baselland und dem ‹plug.in› geführt. Zudem sind gegen 50 Wohn- und Werkateliers geplant, darunter die Austauschateliers der ‹iaab›, aber auch neue Arbeitsräume für Kunstschaffende und visuelles Gewerbe.

Die Bedeutung der Kreativwirtschaft für die Stadtentwicklung ist der CMS nicht entgangen. Während etwa die Zürcher Wirtschaftsförderung (!) bereits entsprechende Studien publiziert hat, setzen Basler Wirtschaftskreise etwas einseitig auf ein künftiges ‹Biovalley› – siehe ‹Metrobasel›. Die CMS dagegen baut auf die Anziehungskraft von Kulturwirtschaft und Bildungsinstitutionen. Modelle für solche (meist ungeplante) Entwicklungen finden sich in Europas Metropolen, aber auch in der Schweiz: die Palette reicht vom Löwenbräu-Areal in Zürich bis zum Werkraum Warteck. Solch unterschiedliche Vorbilder widersprechen sich nicht zwingend, denn auch liebgewonnene Feindbilder können überwunden werden: das romantische Schema ‹Kreativität versus Kommerz› greift längst zu kurz. Auch die Angst vor der Verplanung der letzten urbanen Brachen – wie etwa nt-Areal oder eben Dreispitz – ist unbegründet, denn eine ‹letzte› Brache kann es gar nie geben. Das Wesen der Stadt ist Veränderung – auf dem Dreispitz bietet sich derzeit Gelegenheit, diesen Prozess mitzuerleben.

Sibylle Ryser

 

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