Volksmund, kulinarisch

(k)ein Kochbuch

ProgrammZeitung 4/2003, Kulturjournal für die Region Basel
www.programmzeitung.ch

Mit dem Zufall als Reiseführer begibt sich ‹Choucroute au Curry par hasard› auf eine nicht nur kulinarische Reise durch die Schweiz.

Das Register vereint so unterschiedliche Stichworte wie ‹Aromat›, ‹Birchermüesli›, ‹Fernweh›, ‹Schweinswürstli›, ‹Töffli› und ‹Tropen›. Sie stehen für Impressionen einer Reise durch die Schweiz, auf der nach dem Zufallsprinzip Menschen angesprochen und um ein Rezept gebeten wurden. «In fünfzig Rezepten durch die Schweiz», so der Untertitel des Buches, ist dennoch kein Kochbuch – obwohl es von einem Rezeptautor geprüft wurde. Vielmehr entstand eine launige Collage von Momentaufnahmen aus dem helvetischen Alltag, wofür die Rezepte eher so etwas wie einen raffinierten Vorwand bilden. Das Essen ist als Gesprächsthema ebenso universell wie das Wetter, jedoch ungleich ergiebiger – schnell gelangt man vom Lieblingsgericht zu Geschichten, Erinnerungen und Lebensweisheiten.

Die meisten Rezepte sind eher von ethnologischem als von gastronomischem Interesse, die Würze des Werkes liegt denn auch im ‹Beigemüse›. Persönliche Angaben zum Rezept skizzieren einen kulinarischen Horizont, wo Traditionelles mit Exotischem verknüpft und stets das Praktische im Auge behalten wird. Wahre Köstlichkeiten finden sich unter den Zitaten zur Person der Befragten, die zuweilen ganze Lebensanschauungen umreissen: «Ich finde, man sollte sich nichts versagen, möglichst alles geniessen und die Leute so nehmen, wie sie sind.»

Dass sich in den einheimischen Küchen viel Eingewandertes findet, erstaunt nicht. Sowohl die Interviewten wie die Rezepte sind teilweise ausländischer Herkunft. Die Existenz fremder Kochkunst-Einflüsse bereits als Beweis für ein gelungenes interkulturelles Zusammenleben zu werten, wie dies in der Einleitung getan wird, ist jedoch allzu vereinfachend. Und damit problematisch: Kulinarisches Interesse bedingt noch keinerlei Auseinandersetzung mit der fremden Kultur, und fremdes Essen hat für den Immigranten eine gänzlich andere Bedeutung als für die Touristin.

Augenweide

Das Skizzenhafte des Projekts wurde in der Gestaltung aufgenommen. Aufgemacht wie ein pralles Notizbuch, präsentiert es sich im schwarzen Kunstledereinband mit modisch gerundeten Ecken, gedruckt auf weiches, liniertes Papier, illustriert von den Basler Künstlerinnen Claudia und Julia Müller, die die Fotos der Befragten zeichnerisch umgesetzt haben. Die kugelschreiberblauen Illustrationen und der rote Text in Grossdruck-Optik verleihen dem Buch eine kinderbunte Unbeschwertheit. Der hintergründige Pseudo-Dilettantismus, seit Jahren Markenzeichen der Müller’schen Zeichenkunst, passt perfekt zum Konzept. Die humorvollen Zeichnungen ufern stellenweise in Kritzeleien aus, verweilen gerne bei dekorativen Details wie Hemden- oder Tapetenmustern und verweigern sich erfolgreich jeglicher virtuosen Pose. Jedes Kochbuch will auch Augenweide sein – hier ist dies auf ganz neue Weise geglückt.

Sibylle Ryser

 

Kulturjournalismus