Wachgeküsst

Kunstort ‹Filiale›

ProgrammZeitung 2/2004, Kulturjournal für die Region Basel
www.programmzeitung.ch

Die legendäre ‹Filiale Basel› findet eine Fortsetzung und zeigt installative Arbeiten junger Kunstschaffender.

Eric Hattan schliesst die dicke Kette auf, die das rostige Gittertor zusammenhält, es öffnet sich unter Ächzen. Die dunklen Tannen geben sich mit dramatischem Rauschen dem Sturm namens Gerda hin. Nein, wir sind weder im Schwarzwald noch auf dem Filmset, sondern mitten in Basel, an einem Ort mit Vergangenheit, der sich für das kommende halbe Jahr in die neue ‹Filiale› verwandeln wird. Die ‹Filiale Basel› ist Legende, wurde Kult, war Vorbild – und schien bereits Geschichte. 1981–85 organisierten Eric Hattan, Silvia Bächli und Beat Wismer die erste Runde, weitere folgten 1987–89 und 1992–95. An wechselnden Adressen realisierte die ‹Filiale› zahlreiche Ausstellungen auf Non-Profit-Basis. Eine Institutionalisierung wurde nie angestrebt, der Kunstort vielmehr getragen von der Initiative Einzelner, allen voran Hattan. 1996 ging er nach Berlin, und für ein halbes Jahr übernahmen die ‹Erben› – gewissermassen als Nachlassverwaltung.
 

Transformationen

Hattans Aufmerksamkeit gilt seit je dem Unscheinbaren. In seiner künstlerischen Arbeit widmet er sich kleinen Verschiebungen – etwa dem sorgfältigen Umstülpen von Verpackungen – mit denen er das Alltägliche ins Unerwartete transfomiert. Auf seinen Streifzügen hat er den leer stehenden Riegelbau entdeckt, den ein alter Schriftzug als Garage ausweist – ein Raum, der nur aktiviert zu werden brauchte. Die Motivation zur Neueröffnung sei massgeblich durch diesen Ort gegeben; «Neugier und Notwendigkeit» fügt er als weitere Gründe an. Für die aktuelle Wiederbelebung der ‹Filiale› wird er von den beiden Kunstgeschichtsstudentinnen Maja Wismer und Noëlle Pia unterstützt, finanziell vom Kunstkredit Basel-Stadt und Privaten. Zur Verfügung stehen eine Garage, ein Salon, ein Zimmer, ein Dachstock und eine Mansarde. In parallelen Ausstellungen mit versetzten Vernissagen werden in den verschiedenen Räumen installative Arbeiten junger Kunstschaffender gezeigt. Ihre Auswahlkriterien bezeichnen die drei FilialleiterInnen als «radikal subjektiv».

Eröffnet wurde am 25. Januar mit einem ‹Garage Sale›, was den dialektischen Nutzen von Leerung (der Räume) und Füllung (der Projektkasse) hat. In die Fülle der objets trouvés sind Monitore integriert, auf denen Kunstvideos flimmern – eine attraktive Mischung aus Brocante, Chaos und Installation. Unter dem Titel ‹mit 27› werden im Zimmer wöchentlich neue Arbeiten präsentiert, die vor dem 27. Lebensjahr der KünstlerInnen entstanden sind – auch ein ironischer Kommentar zur Attraktivität des Labels ‹junge Kunst›. Derzeit ist im Salon eine Arbeit von Silvia Buonvicini (besser bekannt als singende Hälfte von Knut & Silvy) zu sehen. Sie hat den Spannteppich mit dem Lötkolben gebrandmarkt, die Zeichnung mäandert über den ganzen Boden und verbindet sich mit vorgefundenen Spuren. Der schwache Röstduft hängt noch in der Luft.

Sibylle Ryser

 

Kulturjournalismus