Weltbildordnung

Essay zu einem bemerkenswerten Bildtypus der Pressefotografie, den ich seit Jahren sammle.
in: Andreas Baur (Hg.): World Mapping, 8. Internationale Foto-Triennale Esslingen,
Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2010.
Die Gestaltung des Katalogs besorgte ich ebenfalls (siehe Buchgestaltung).
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Weltbildordnung

Was ist zu sehen auf diesen Bildern? Nachdem uns die Namen der Würden- und Hoffnungsträger entfallen sind, fallen die Details der Inszenierung auf. Zunächst der symmetrische, möglichst frontal gegebene Bildaufbau. Man mag annehmen, dass die abzubildende Gesprächssituation gleichsam natürlicherweise zur Symmetrie neige, doch nichts ist zufällig oder bedeutungslos in solchen Bildkompositionen, zuletzt die Symmetrie.
Pressefotos diplomatischer Spitzentreffen entsprechen einem hoch standardisierten Bildtypus. Die Protagonisten sitzen in angemessenen Sesseln; in der zweiten Reihe – auf ihrerseits angemessenen Schemeln – sitzt die Übersetzerzunft. Doch trotz weltpolitischer Bedeutung und gesteigerter medialer Bühnenpräsenz sind die Figuranten austauschbar und fungieren im Bild hauptsächlich als Kostümträger.
Dafür gewinnen unverhofft die Dinge ein Eigenleben. Zu den diplomatischen Requisiten zählt nicht nur die korrekte Kleidung des Personals, die Spitzenpolitik findet ihren Ausdruck auch in der Innendekoration – und diese ist von einer Präsenz, die die Staatsmänner nachgerade an die Wand spielt. So werden die beiden Parteien zuverlässig auf Distanz gehalten von einem Blumengebinde, das stets die Bildmitte einnimmt (wobei es auch den einen oder anderen Statisten verdecken oder eigentümlich garnieren darf). Dieses Blumenarrangement steht immer auf einem Tischlein, das ihm als Sockel dient, wodurch es auch vertikal ins Zentrum des Bildes gehoben wird und zum Fokus der Komposition avanciert.
Die Sockelchen sind stilistische Hybriden. Schnitzereien, Reliefs, Raubtierfüsse, Goldbemalung, Lackbeschichtung und andere Verzierungen lassen sie wertvoll erscheinen. Kulturkritische Puristen mögen diese historisierenden Stilblüten als Kitsch werten, ironische Ästheten sich über ungewollte Komik amüsieren, etwa in der royal anmutenden Möblierung des Kremls. Doch geht es um anderes: Die Nivellierung auf mehrheitsfähiger Stilebene zielt auf ein weltweites Verständnis der repräsentierten Werte – Tradition, Seriosität, Werthaltigkeit. Zugleich verweist ihr irgendwie-westliches Aussehen auf die entsprechende politische Dominanz: Noch gibt es keine Bilder von internationalen Gipfeltreffen, die Staatsoberhäupter auf prunkvollen Teppichen lagernd oder auf kostbaren Tatamis kniend zeigen.

Zu den Variablen der Ausstattung zählen Teppiche, Vorhänge, Zimmerpflanzen, Dekorationsobjekte, Fahnen, Bilder und anderer Wandschmuck. Diese Gegenstände spielen allerdings für die fotografische Inszenierung keine den Blumengestecken vergleichbare Rolle. Ein Merkmal ist all den Einrichtungselementen gemeinsam: sie haben in erster Linie die Symmetrie zu betonen. Alles, was sich nicht in der Bildmitte befindet, tritt deshalb paarweise in Erscheinung. Frontalität und Axialsymmetrie sind tradierte Mittel zur Darstellung des Erhabenen, Heiligen, Entrückten. Das gilt für antike Tempel und gotische Kirchen ebenso wie für Altarbilder, Denkmäler, Historienmalerei, Herrscherporträts und dergleichen Genres. Längst werden Gipfeltreffen nicht mehr in Oel gemalt und für die Ewigkeit fixiert, ganz im Gegenteil – es lässt sich kaum ein Bildgenre denken, das so sehr für Vergänglichkeit steht wie das Zeitungsfoto. Die ephemeren Pressebilder bedienen sich jedoch der ikonographischen Strategien einer illustren Ahnenreihe, was ihrem Sujet Legitimation und Bedeutsamkeit verleiht. Darüberhinaus wird mit der symmetrischen Komposition die Gleichwertigkeit der Parteien behauptet und so ein möglicher Konflikt vermieden, der sich an inadäquater Repräsentation entzünden könnte.
Nur selten gewährt das Pressebild einen grösseren Ausschnitt. Dann rücken etwa monumentale Wandgemälde ins Blickfeld, die oft der Landschaft verpflichtet sind, auch dies eine weltweit verständliche Chiffre für das – weitgehend ideologiefreie – Erhabene. Oder es offenbaren sich gar die Umstände des Making-Of, und die Staatsmänner erscheinen umzingelt von Journalisten, Kameras und Richtmikrofonen.

Dass die Bildmitte dieser Inszenierungen stets von einem gesockelten Blumenbouquet dominiert wird, erscheint zunächst als Leerstelle. Wäre sie als ironische Anspielung zu lesen? Wo, wenn nicht in der Diplomatie, wird «durch die Blume» gesprochen… Doch einmal abgesehen davon, dass solche Bilder gänzlich ironiefrei gemeint sind (was auch anhand ihrer Placierung auf den Frontseiten ernst zu nehmender Leitmedien deutlich wird), verfehlte diese Lesart die tiefer liegende Bedeutung des Arrangements. Denn gerade die Besetzung der Bildmitte unterlegt dem Dekorationsstück Bedeutsamkeit: Der Blumenschmuck, meist von steifer, pyramidaler Form, wird zum Konzentrat der Bildkomposition und zum Symbol für die gleichermassen rigide, fein austarierte Ordnung diplomatischer Gesten. Seine prominente Position steht für die ebenso zentrale Funktion, die in diesen Sinn-Bild-Arrangements den Dingen zukommt: sie werden zu den eigentlichen Akteuren, denen die Aufgabe obliegt, den Symbolgehalt der Situation zu transportieren.

Sibylle Ryser

 
Bildnachweis

  • Neue Zürcher Zeitung, 25.2.2003. Bild Reuters.
    Legende: »Aussenminister Powell beim Gespräch mit dem chinesischen Vizepräsidenten Hu Jintao.«
  • Neue Zürcher Zeitung, 4.9.2006. Bild Morteza Nikoubazi/Reuters.
    Legende: »Uno-Generalsekretär Annan (links) im Gespräch mit Präsident Ahmadinejad.«
  • Neue Zürcher Zeitung, 15.11.2005. Bild ap.
    Legende: »Gastgeber Putin mit dem usbekischen Präsidenten Karimow am Montag im Kreml.«
  • Neue Zürcher Zeitung, 11.1.2005. Bild ap.
    Legende: »Abbas (rechts) am Tag nach dem Wahlsieg mit dem aussenpolitischen Vertreter der EU, Solana.«
  • Neue Zürcher Zeitung, 29.11.2007. Bild David Gray/ap.
    Legende: »Der EU-Kommissions-Präsident Barroso im Gespräch mit Li Keqiang, Mitglied des ständigen Ausschusses des Politbüros.«
  • Neue Zürcher Zeitung, 16./17. 3. 2002. Bild key.
    Legende: »Präsident Putin bei Bush im Weissen Haus (November 2001), nachdem ihm der Amerikaner die Reduktion der Nuklearsprengköpfe mitgeteilt hatte.«
  • Neue Zürcher Zeitung, 21./22.10.2006. Bild Greg Baker /EPA.
    Legende: »Aussenministerin Rice im Gespräch mit dem chinesischen Staatsrat Tang Jiaxuan in Peking.«
  • Neue Zürcher Zeitung, 28.12.2000. Bild ap.
    Legende: »Der russische Verteidigungsminister Sergejew bei seinem Treffen mit Präsident Khatami.«
  • Neue Zürcher Zeitung, 26./27.4.2008. Bild ap.
    Legende: »Dialog über Tibet. Peking hat nach einem Treffen mit EU-Kommissions-Präsident Barroso (hier mit Chinas Staatschef Hu Jintao) angekündigt, die Gespräche mit einem Vertreter des Dalai Lama wieder aufzunehmen.«
  • 10  Neue Zürcher Zeitung, 17.1.2006. Bild Jan Bauer/ap.
    Legende: »Angela Merkel und Wladimir Putin am Montag beim direkten Gespräch im Kreml.«

 

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